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Was ist qualitativ hochwertiger Ballbesitz und wodurch wird er definiert?

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In den letzten Jahren entwickelt sich der Profifußball zunehmend weg vom klassischen Ballbesitz hin zu mehr Pressingmechanismen in Deutschland. @marc (@ZonalMarc) erklärt euch, woran man qualitativ hochwertigen Ballbesitz messen kann und warum dieser so schwierig umzusetzen ist.

Als Trainer macht man die Erfahrung, dass man als Team nahezu das komplette Spiel den Ball in den eigenen Reihen hat und dennoch kaum Torgefahr entwickelt oder vielleicht sogar ein Spiel durch einen Konter verliert, obwohl man rein optisch deutlich felddominanter war. Aber warum ist das so?

Ballbesitz- die Grundidee

Hat man den Ball, kann der Gegner kein Tor erzielen. Aber ist es so einfach? Zweifelsohne nicht, denn Ballbesitz alleine hilft meistens wenig. Im Folgenden möchte ich zum einen definieren, wann Ballbesitz offensive Gefahr bringen kann und warum er auch gegen den Ball ein sehr wichtiges Element darstellt. 
Wichtig ist dabei jedoch zunächst zu verstehen, dass Ballbesitz als solcher keine aussagekräftige Kennzahl ist. Hat man 80% seines Ballbesitzes in eigener letzter Linie und schiebt das Spielgerät lediglich von links nach rechts zwischen den Innenverteidigern bzw. Außenverteidigern, so bringt das zwar viel Zeit am Ball aber wenig Gefahr. 

Die Voraussetzung für qualitativ guten Ballbesitz

Damit man einen guten und gefährlichen Ballbesitz aufbauen kann, ist es zwingend erforderlich gewisse Prinzipien gepaart mit einer guten Struktur zu haben. Doch was genau bedeutet das? 
Marco Rose erzählte mir vor einigen Jahren von einem seiner wichtigsten Prinzipien: „So hoch wie möglich, so breit wie nötig“. 
Dies meint, dass der Spieler, welcher den Ballbesitz erhalten möchte, sich nicht bloß anspielbar im Raum zeigen soll, sondern vielmehr so viel Tiefe wie möglich generieren soll, ohne dabei zu weit vom gegnerischen Tor in der Breite entfernt zu sein. 
Ein eigentlich einleuchtender Hinweis, jedoch werden genau diese kleinen Details oft unterschätzt. Ballbesitz definiert sich nicht bloß über den Ballbesitz als solches, sondern viel mehr über viele kleine Details und Ergänzungen rund herum. Daher ist der reine Ballbesitz keine geeignete Kennzahl, um den Erfolg widerzuspiegeln. Des Weiteren ist es unumgänglich, die Ballbesitzstatistik immer mit Statistiken wie Abschlüssen und expected Points beziehungsweise tatsächlichen Punkten zu kombinieren.

Die Struktur als Schlüssel

Viel wird immer über Aufstellungen und Grundordnungen gesprochen, jedoch ist es im Ballbesitz nicht entscheidend, wie die Grundordnung ist, sondern wie man sich wo positioniert und wer den Aufbau übernimmt. 
Das kann man sehr gut daran sehen, dass wenige Teams in einer flachen Viererkette agieren im Spielaufbau, aber warum ist das so?
Im untenstehenden Bild sieht man Team weiß im Spielaufbau im 4-4-2 gegen ein gegnerisches 4-4-2. In letzter Linie spielen sie somit nominell 4vs2. Möglichkeiten für Tiefe gibt es hier kaum, da der Gegner im 4-4-2 ebenfalls mit seinen zentralen und äußeren Mittelfeldspielern das Zentrum sehr gut schließen kann, Gefahr wird sich hieraus also vermutlich nicht entwickeln. 

Nehmen wir einige kleine Änderungen an der Strukur vor (vgl. Bild unten), sieht das Spiel potenziell vielversprechender für Weiß aus. Aus einem 3+1 Aufbau bringt man den Gegner im 4-4-2 in Zweifeln. Die hochstehenden Außenverteidiger des Teams binden nun den äußeren Mittelfeldspieler tiefer und es kann auf der Halbverteidigerposition (NR 7 und NR 3) nach schneller Verlagerung angedribbelt werden. Jedoch wird das alleine nicht zum Erfolg führen, denn jeder Ballbesitzfußball ist von einer weiteren Komponente geprägt, der Geduld und dem Anlocken. Natürlich ist der 3+1 Aufbau kein universelles Hilfsmittel, sondern bedarf immer einer Anpassung an die Ausrichtung des Gegners und dementsprechend auch eine Anpassung in Linie 2 und 3.

Was meint Geduld und was ist das Anlocken genau?

Geduld meint in Wesentlichen, dass man auf den richtigen Moment wartet. So banal es auch klingt, genau das ist die entscheidende Komponente bei der Frage: Ist der Ballbesitz erfolgreich? Wer zu früh tief spielt, aber dafür noch keine Struktur wie oben oder ähnlich vorbereitet hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erfolgreich sein. Die Entscheidungsfindung ist also ein großer Punkt, der oft unterschätzt wird. Als Fan sieht man nur, dass der Ball „schon wieder quer“ gespielt wird, aus Trainer- bzw. Taktikersicht weiß man, dass der Zeitpunkt für meinen Innenverteidiger vermutlich nicht der Richtige war und er sich entschließt, geduldig zu bleiben. 


Aber worauf wartet man dann?
Wie eben bereits erwähnt, ist Timing ein wichtiger Faktor. Jedoch nur dann, wenn man es auch schafft, den Gegner anzulocken bzw. er zu gierig wird. Damit ist konkret gemeint, dass man den Ball auf eine Seite verlagert und dort versucht, dem Gegner zu signalisieren, dass man dort den Angriff vortragen möchte. In dem unten stehenden Bild lässt sich dieses Phänomen gut erkennen, im roten Feld existiert eine numerische Unterzahl von 8vs10. Durch den Ball auf Nummer 4 soll der Gegner nun denken, dass Weiß außen durchbrechen will, während Nummer 5 sich auf der ballfernen Seite im blauen Raum komplett frei positionieren kann. Hierbei gilt, je risikoaffiner man ist, desto höher positioniert sich der Spieler. Ist man eher nicht so risikofreudig, dann wird er sich etwas tiefer positionieren. 
Ziel ist es dann, nach dem Anlocken über Nummer 4, schnellstmöglich auf die ballferne Seite auf Nummer 5 zu verlagern. Dies geht beispielsweise via Flugball, oder aber mit ein, zwei kurzen Steil-Klatsch-Aktionen im Zentrum. Das Ganze könnt ihr in realtaktischer Analyse am Video unter dem Schaubild erkennen. 

Also muss man nur qualitativ hochwertigen Ballbesitz spielen, um erfolgreich zu sein?

Leider nein, aber die Wahrscheinlichkeit erhöht sich deutlich. Es gibt einige Teams, die sich durch gut vorgetragenen Ballbesitzfußball in der laufenden Spielzeit viele Chancen erspielen, diese aber nicht nutzen. 
Genauso gibt es Mannschaften, die erfolgreich sind, ohne viel Ballbesitz zu haben, geschweige denn qualitativ in diesem zu performen. 
Ein gutes Beispiel dafür stellt in dieser Saison Union Berlin dar. Die Köpenicker haben knapp über 40% Ballbesitz im Schnitt, dadurch kommen sie seltener in Abschlusspositionen und haben deutlich weniger expected Points als tatsächlich gesammelte Punkte. 
Gleichzeitig ist der FC Chelsea ein Beispiel für viel Ballbesitz und dadurch bedingt auch mehr expected Points als tatsächlich eingefahrene Zähler, woraus sich schließen lässt, dass die Qualität der Ballbesitzphasen nicht immer passt.
Bayern und Barcelona sind hier als Positivbeispiele aufgeführt. Beide haben europaweit den höchsten prozentualen Ballbesitzwert und sind oben dabei in ihrer Liga, da beide im Ballbesitz extrem gut performen.

Grafik selbst erstellt anhand Daten von WyScout / Stand: 24.05.23

Also ist der Ballbesitz nur wichtig für das Offensivspiel?

Definitiv nicht. Er ist natürlich für eine gute Offensive elementar, jedoch bietet eine gute Struktur immer auch Absicherung und vor allem die Chance zum Gegenpressing. Letzteres ist ein oft unterschätzter Faktor im Fußball – sprechen wir doch mehr über Anlaufverhalten statt GP- und dennoch ist es wichtig, die Voraussetzungen für das Gegenpressing durch eine gute Struktur im Ballbesitz vorzubereiten. 
Jürgen Klopp sagte vor einigen Jahren:


„Der Ballverlust ist der beste Moment für den Ballgewinn.“


Mit diesem Wissen muss man also schauen, dass ein Ballbesitz auch immer den Moment des Ballverlustes vorbereitet und dabei ist eben auch der Zeitpunkt des Ballverlustes eminent wichtig. Auch hier ist das Thema der Geduld präsent. Legt man diese nicht an den Tag im eigenen Ballbesitz und riskiert somit einen frühzeitigen, leichtfertigen Ballverlust, bei dem das eigene Team nicht geordnet bzw. gut strukturiert sein könnte, dann hat man zwar Ballbesitz gehabt, allerdings nicht ertragreich. Oft besteht dann weder die Chance für ein Gegenpressing noch die Überzahl in eigener Tornähe. Konter und damit potenzielle Gegentore sind die Folge.

Ein Fazit: was kann Ballbesitz, was nicht?

Ballbesitz ist für viele Topteams das Mittel der Wahl und das verständlicherweise. Erst einmal kann man nicht direkt ein Gegentor kassieren und bestimmt selbst über sein Gelingen. 
Jedoch ist auch wichtig, dass Ballbesitz nicht gleich Ballbesitz ist und es um die Qualität der Spieler, aber auch der Struktur und des Positionsspiels geht. 
All dies beruht auf Mechanismen, die in detailgetreuer Arbeit über viele Trainingseinheiten hinweg verinnerlicht werden müssen. 

Somit verleiht einem der Ballbesitz oft eine höhere Wahrscheinlichkeit für gefährliche Torchancen, sofern man ihn gut spielt. Allerdings ist der Weg dorthin meist steinig und kostet viele Teams Punkte, da die Strukturen und Mechanismen in der Implementierungszeit nicht immer greifen und Fehlerquellen meist bestraft werden.

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