StartAnalysenIm Keller brennt noch Licht!

Im Keller brennt noch Licht!

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Jeder, der es an diesem Wochenende mit dem FC Schalke 04 hält, weiß, worum es an diesem 30. Spieltag geht. Für die Königsblauen ist es gegen Werder Bremen das nächste Endspiel. Die Wichtigkeit dieses Spiels überbietet in den 90 Minuten nur die Dramatik. Nach 81 Minuten Rückstand drehen die Schalker das Spiel und schließen wieder zum rettenden Ufer auf. Ein Sieg, wie er wichtiger nicht sein kann. Die Bremer und Trainer Ole Werner müssen sich fragen, warum sie den Gegner überhaupt nochmal ins Spiel zurückkommen lassen. Denn auf eine vernünftige erste Halbzeit folgt eine brutal schwache zweite. Wie die beiden Teams in diesem Spiel taktisch agiert haben, hat benny für euch analysiert.

Bremen im Ballbesitz

Trotz dessen, dass die Bremer auf Torjäger und Zielspieler Niklas Füllkrug verzichten müssen, ändert sich an der Herangehensweise im Ballbesitz nichts. So bleibt es in diesem Spiel erneut bei der Doppelspitze Ducksch/Philipp. Ole Werner weiß, dass die Schalker auch in diesem Spiel wieder von ihrem Mann-gegen-Mann-Pressing gebrauch werden machen. Daher entscheidet er sich mit dem Ball für ein 3-3-4. Der 34-Jährige Coach schiebt situativ beide 8ter, Bittencourt und Stage, hoch in die letzte Kette, um die Schalker in der eigenen Hälfte zu binden. Die Flügelverteidiger Weiser und Jung bewegen sich auf Höhe des alleinigen 6er Christian Groß (siehe unten erste Abbildung).

Bremen im Ballbesitz
Quelle: Wyscout / Bremen im Ballbesitz

Auf das Pressingverhalten der Königsblauen ist Bremen bestens vorbereitet. Durch ihre Statik im Ballbesitz ziehen sie die Schalker Manndeckung extrem in die Breite und öffnen so das ganze Zentrum. Wie so häufig, stellt sich Thomas Reis in der ersten Halbzeit mit dem mannorientierten Verteidigen eher selber ein Bein. Sobald die Schalker hoch anlaufen, schiebt Matriciani aus der Kette raus und versucht Jung zu pressen. Die Bremer bleiben aber in ihrer hohen Gegnerbindung, weshalb Tom Krauss zurück in die Kette fällt. Das Gleiche gilt für Alex Kral. So entsteht ein enormes Loch im Zentrum, das Werder immer wieder bespielen kann (siehe unten erste Abbildung).

Loch im Schalker Zentrum
Quelle: Wyscout / Loch im Schalker Zentrum

Werder sucht schon in den ersten Minuten immer wieder den vertikalen Pass ins Zentrum. Aus dem Duo Ducksch/Philipp löst sich immer ein Spieler kurz und zieht einen Innenverteidiger der Schalker raus. Durch die breite Öffnung des Spielfelds der Bremer, entsteht so ein Raum hinter der Abwehr, in dem entweder Yoshida oder Kaminski 1-gegen-1 verteidigen müssen (siehe unten erste Abbildung). Da die Bremer im Zentrum ein mindestens 40-Meter Loch bespielen, sind die Abstände der Schalker gegen den Ball so groß, dass man nie in die Dopplung im Zentrum kommt.

 Bremen öffnet Raum hinter der Kette
Quelle: Wyscout / Bremen öffnet Raum hinter der Kette

Bei der Spieleröffnung in Linie 1 wollen die Bremer das Pressingverhalten der Königsblauen mit klaren Passmustern überspielen. In dieser Phase des Ballbesitzes stehen die 8ter Stage und Bittencourt noch nicht in der letzten Linie. Sie halten sich im Halbraum auf. Wenn die Königsblauen das Pressing auslösen, lösen sich wieder entweder Ducksch oder Philipp aus der letzten Linie und ziehen einen Innenverteidiger raus. Der ballnahe 8ter (Bittencourt) löst sich mit einer Auftaktbewegung aus der Manndeckung im Halbraum (siehe unten erste Abbildung). Der ballführende Innenverteidiger (Stark) versucht nun, den Pass auf den sich lösenden Stürmer (Philipp) zu spielen, der dann in ein Steil-Klatsch Muster mit dem 8ter (Bittencourt) übergeht. Durch die raumöffnende Bewegung des Stürmers, hat Schalke enorme Lücken und Abstände zwischen Innen- und Außenverteidiger. Die Bremer hatten so einen ihrer Stürmer, mit viel Zeit und Raum, in einer 1-gegen-1 Situation (siehe unten zweite Abbildung).

Bremen überspielt das Schalker Pressing
Quelle: Wyscout / Bremen überspielt das Schalker Pressing
Raum hinter Schalkes Kette
Quelle: Wyscout / Raum hinter Schalkes Kette

Die Elf von Trainer Ole Werner bricht mit diesen Mustern zwar immer wieder durch, doch in letzter Konsequenz fehlt die Präzision, um zum Torerfolg zu kommen. Das 0:1 fällt dann durch eine individuelle Fehlerkette der Schalker, die im ersten Schritt einen eigenen Einwurf in der gegnerischen Hälfte herschenken und eine schlechte Positionierung in der Restverteidigung haben. Werder steht zwar vor dem gegnerischen Strafraum in einer guten Staffelung, trotzdem darf Tom Krauß niemals aus dem Zentrum nach vorne verteidigen und dieses damit freigeben. Auch Matriciani gibt die 2-gegen-Eins Überzahl frei und macht einen unnötigen Schritt nach vorne (siehe unten erste Abbildung). Bremens Flügelverteidiger Jungs muss dann nur noch einen Ball ins Zentrum spielen, wo Kaminski und Yoshida dann in 2-gegen-3 Unterzahl verteidigen müssen (siehe unten zweite Abbildung). Philipp und Weiser leiten den Ball dann gut in einem Kontakt auf Ducksch weiter, der ohne Gegnerdruck vollendet.

 Krauß öffnet das Zentrum
Quelle: Wyscout / Krauß öffnet das Zentrum
Schalke verteidigt in Unterzahl vor dem Gegentor
Quelle: Wyscout / Schalke verteidigt in Unterzahl vor dem Gegentor

Schalkes Probleme mit dem Ball in der ersten Halbzeit

Eigentlich ist es kaum lohnenswert, sich detailliert mit den Schalker Mustern im Ballbesitz zu beschäftigen. Denn in der ersten Halbzeit basierte gefühlt alles auf dem Zufallsprinzip. Werder hatte so im Anlaufen ziemlich einfaches Spiel. Wenn Schwolow den Ball führt, mussten Ducksch, Philipp und Stage nur Yoshida, Kaminski und Kral zustellen. Beide Außenbahnen können sie in der ersten Phase des Pressing freilassen und bei Anspiel zuschieben (siehe unten erste Abbildung) Den Schalker merkt man in der ersten Halbzeit in jeder Minute die Angst vor zu viel Risiko an. Die Abständen passen nicht. Selbst wenn man die Bremer in der eigenen Hälfte hatten, spielte man zwar Mann gegen Mann in der letzten Kette, das Anschlussverhalten der 6er passte aber überhaupt nicht. Die 5-3 Struktur in Bremens Restverteidigung hatte immer einen Mann Überzahl zur Folge. Schalke kam durch die zu großen Abstände nie in die Situation, dass man konsequent den zweiten Ball erobern kann (siehe unten zweite Abbildung).

Bremens Anlaufverhalten
Quelle: Wyscout / Bremens Anlaufverhalten
Bremen verteidigt in einer 5-3 Struktur
Quelle: Wyscout / Bremen verteidigt in einer 5-3 Struktur

So blieb es dabei, dass das Spiel von Schalke nur auf Einzelaktion und Zufall basierte. Statistisch sprang in der ersten Halbzeit keine einzige Großchance raus. Nur 0,52 xG. Insgesamt einfach zu wenig. Dazu kommt, dass die Schalker seit 2013 in der Bundesliga kein Rückstand mehr drehen konnte. Es sah alles danach aus, dass die Schalker erneut keine Punkte außer der Reihe holen werden. Für den Fan frustrierend. Wenn du nicht absteigen willst, ist ein Sieg gegen die Bremer eigentlich Pflicht. Schalke wäre aber nicht Schalke, wenn sie nicht alle kritischen Stimmen im zweiten Durchgang eines besseren belehren würden.

Die zweite Halbzeit

Egal was Thomas Reis in der Halbzeitansprache gesagt hat: Die war wirkungsvoll!
Die Schalker zeigen ab der ersten Sekunde im zweiten Durchgang ein ganz anderes Gesicht. Im Ballbesitz haben sie viel bessere Abstände. Bauen jetzt in einer flachen 4er-Kette auf. Davor positioniert sich, im Gegensatz zur ersten Halbzeit, nicht mehr ein 6er, sondern zwei. In der letzten Kette positionieren sich vier Mann. Die Bremer haben nun deutlich mehr Probleme, in ein strukturiertes Pressing zu kommen. Königsblau hat nun die Chance, entweder flach auf die 6er zu spielen oder mit gegensätzlichen Bewegungen hinter die Bremer Abwehr zu kommen (siehe unten erste Abbildung).

Schalker 4-2-4 im Ballbesitz
Quelle: Wyscout / Schalker 4-2-4 im Ballbesitz

Durch die tiefere Positionierung von Kral und Krauß, ziehen die beiden immer wieder zwei Gegner aus der aus der Verteidigung raus und öffnen Platz für Zalazar zwischen dem Mittelfeld und der Abwehr der Bremer (siehe unten erste Abbildung)

Positionerung Krauß und Kral
Quelle: Wyscout / Positionerung Krauß und Kral

Ist der Ball in der gegnerischen Hälfte, besetzten die Schalker die Halbräume deutlich besser. Der ballführende Außenverteidiger traut sich immer wieder, den Ball diagonal flach ins Zentrum zu bringen. Auf dem folgenden Beispielbild sieht man gut, was durch die gute Positionierung im Halbfeld passiert. Beide 8ter ziehen einen Spieler von Bremen aus der Kette raus und öffnen einen tiefen Raum. Sobald Zalazar den Ball empfängt, startet Kral einen tiefen Lauf in diesen Raum. Wenn Schalkes es präziser ausspielt, steht dieser in einer 1-gegen-1 Situation im gegnerischen 16er (siehe unten erste Abbildung). Ein Muster, auf welches die Schalker in der zweiten Halbzeit öfter zurückgreifen.

 Halbraumbesetzung Schalke
Quelle: Wyscout / Halbraumbesetzung Schalke
Tiefenlauf Kral
Quelle: Wyscout / Tiefenlauf Kral

Reis wechselt den Sieg ein

Die entscheidende Änderung nimmt der Schalker Coach aber mit seinen Einwechslungen und der damit verbundenen Systemumstellung vor. Sepp van den Berg kommt für Matriciani. Die Doppelspitze bilden Michael Frey und Sebastian Polter. Matchwinner Dome Drexler gibt vor der 3er-Kette den rechten Wingback. Die Schalker haben nun viel bessere Abstände im Zentrum. Krauss, Kral und Zalazar haben deutlich engere Abstände. Polter und Frey lassen sich immer wieder aus der letzten Kette fallen. Es entsteht im Zentrum eine situative 5-gegen-3 Überzahl (siehe unten erste Abbildung). Der ballführende Innenverteidiger hat nun mehrere Passoptionen. Wenn er den Ball lang in die letzte Kette bringt, steigt die Chance, den zweiten Ball durch die Überzahl zu gewinnen. Wenn sich einer der 6er kurz löst, kann man das Spiel flach öffnen.

Quelle: Wyscout / Schalkes Staffelung im Zentrum

Der Ausgleich fällt erneut nach einem Einwurf in der gegnerischen Hälfte. Nach einem langen Schlag von Kamsinki ist van den Berg derjenige, der den zweiten Ball ins Tor haut. Eine erste Willensleistung. Für die Schalker soll es aber nicht dabei bleiben. Mehr Endspiel Charakter als in dieser Schlussphase, geht fast nicht. Die Mannschaft von Trainer Reis bleibt dran. So ist es Rodrgio Zalazar, der sich kurz vor Spielende auf der linken Außenbahn in einem 1-gegen-1 durchsetzt. Für die Bremer besonders bitter, denn Christian Groß und Mitchell Weiser stehen in dieser Situation nur als „Deko“ auf dem Platz. Erstgenannter hat es besonders schwer, weil er im Zentrum zwei gegen eins Unterzahl spielt und trotzdem nicht entscheidend eingreift. Ballfern stehen die Bremer eigentlich 2-gegen-1 Überzahl gegen Drexler, der zu diagonal einläuft. Beide Bremer schauen auch in dieser Situation nur zu. Wichtig ist, dass Polter und Frey ihre Gegenspieler Mann gegen Mann binden. So öffnet sich der Raum hinter der Abwehr, in welchem Zalazar mit einem perfekten Chipball den einlaufenden Drexler findet. Dieser macht das spielentscheidende 2:1 (siehe unten erste und zweite Abbildung).

Zalazar setzt sich im 1 gegen 1 durch
Quelle: Wyscout / Zalazar setzt sich im 1 gegen 1 durch
diagonaler Lauf in den freien Raum von Drexler
Quelle: Wyscout / diagonaler Lauf in den freien Raum von Drexler

Fazit

Wie wichtig dieser Sieg für den FC Schalke 04 im Abstiegskampf ist, kann man an der explosionsartigen Stimmung nach dem Siegtreffer hören. Auf eine vollkommen schlechte erste Halbzeit folgt eine zweite, die diesem Verein würdig war. Diesen Sieg auf taktische Änderungen runter zu brechen, würde dem ganzen nicht gerecht werden. Es war eine Energieleistung. Der unbedingte Wille, dieses Spiel zu drehen. Aus Sicht der Bremer muss man sich fragen, warum man in der zweiten Halbzeit gefühlte drei Gänge runter geschaltet hat. Sie hatten das Spiel nämlich vollkommen im Griff. Lassen sich dann aber von der Schalker Energie beeindrucken. Für Ole Werner wird diese Niederlage eine Randnotiz in einer halbwegs ruhigen Saison ohne Abstiegssorgen sein. Für das Team von Thomas Reis könnte es neue Energie für das extrem schwierige Restprogramm freisetzen. Es bleibt spannend im Keller der Bundesliga.

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