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Polanski: „Die Spieler merken, dass ich einer von ihnen bin“

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Möppi und Marc haben mit den Trainer der U23 Eugen Polanski gesprochen. Im XXL Interview erfahrt Ihr viel über den Übungsleiter und seinen Fußball.

Möppi: … und los gehts!

Marc: In der Regionalliga West läuft es bislang echt gut für euch, oder? Bist du zufrieden?

Eugen Polanski: Ja, mit unserer Tabellensituation bin ich absolut zufrieden. Allerdings sind wir eine Ausbildungsmannschaft und da geht es weniger um Tabellenplätze als vielmehr um die Entwicklung der Spieler. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass sich die Entwicklung dann irgendwann auch in der Tabelle widerspiegelt. 

Marc: Ich habe ja einige Spiele selber gesehen und rein qualitativ ist es noch mal deutlich attraktiver geworden bei der U23. Die Mannschaft hat deutlich – insgesamt glaube ich fast 5% – mehr Ballbesitz als im Jahr davor. Ist das etwas, worauf Ihr speziell hinarbeitet oder kommt das einfach durch den Erfolg?

EP: Im besten Falle führt Ballbesitz auch zum Erfolg – aber das ist nicht immer so. Natürlich hängt es von verschiedenen Faktoren ab: Was will der Trainer? Was für Spielertypen stehen zur Verfügung? Ich bin mit einer klaren Vorstellung davon in die Saison gegangen, was für einen Fußball ich spielen lassen will und habe relativ schnell gemerkt, dass die Jungs das auch gut umsetzen können. Auch zu Beginn der Saison, als es nach der guten Vorbereitung sowohl spielerisch als auch von den Ergebnissen her noch nicht so richtig rund lief, sind wir unserer Vorstellung treu geblieben und haben relativ wenig geändert.  

Möppi: Gibt es da eine Vorgabe von der ersten Mannschaft? Habt ihr euch vorher abgesprochen mit dem Vorsatz „Wir setzen den Fokus mehr aufs Ballbesitzspiel“ oder hattest du da freie Hand?

EP: Natürlich verfolgen wir, was den Fußball angeht, den wir spielen wollen, im gesamten Verein eine Philosophie. Es wäre kontraproduktiv, wenn ich als Trainer der U23 von Borussia Mönchengladbach meine Mannschaft sich nur hinten reinstellen, den Bus parken und dann das Ding rauskloppen lassen würde. Das würde keinem einzigen Spieler helfen und wäre auch nicht gut für den Verein. Schließlich wollen wir eine Identität schaffen und die Spieler bestmöglich an den Lizenzkader heranführen. Dementsprechend sollten wir auch im Nachwuchsbereich, zu dem auch die U23 zählt, denselben Stil umsetzen. 

Möppi: Wir haben uns vor einiger Zeit auch mit deinem Kapitän Michel Lieder unterhalten. Der meinte, dass in der 4. Liga der spielerische Anteil insgesamt höher ist als in der 3. Liga, in der es stärker auf lange Bälle und körperliches Spiel ankommt. Siehst du das genauso?

EP: In der 3. Liga wird es sicher körperlich noch mal anders zugehen als in der Regionalliga. Wir merken in unserer Liga auch, dass es in den Spielen gegen Erste Mannschaften wie Oberhausen, Aachen, Münster und Rödinghausen noch etwas intensiver zugeht als vielleicht gegen andere U23-Teams. Trotzdem denke ich nicht, dass man in der 3. Liga seinen Stil komplett ändern muss – ganz im Gegenteil. Letztendlich wird sich die fußballerische Qualität durchsetzen. 

Marc: Als du die U17 übernommen hast, hast du gesagt, dass du gerne deine Idee von Fußball durchsetzen möchtest. Ganz blöd gefragt: Entscheidungsfindung, Vorbereitung, Anlocken – was genau ist deine Idee? Willst du beispielsweise lieber mehr Ballbesitz haben und länger vorbereiten – oder ist es dir lieber, früher in die Tiefe zu kommen?

EP: Grundsätzlich ist eine Spielidee nie in Stein gemeißelt, sondern entwickelt sich immer weiter, ist zudem mannschaftsbedingt. Als noch relativ junger Trainer profitiere ich auch aus meiner Zeit als aktiver Profi unter verschiedenen Trainern. Ich versuche daher eine gute Mischung zu finden aus dem, was mir als Spieler geholfen hat, was ich von meinen Trainern gehört habe. Daneben gibt es aber auch Dinge, die ich vielleicht anders machen möchte als andere Trainer. Grundsätzlich sollen die Jungs Spaß haben an dem, was sie machen. Und ich persönlich habe am meisten Spaß, wenn ich gewinne. Ballbesitz alleine bringt dir keine Tore und damit keinen Erfolg. Er gibt dir aber eine Grundsicherheit in der Positionierung und die Möglichkeit, den Gegner laufen zu lassen. Dadurch kannst du dir im besten Fall den Gegner etwas zurechtlegen, um dann – wenn die Möglichkeit da ist – das Tempo zu verschärfen, über wenige Stationen nach vorne zu spielen und zum Abschluss zu kommen. Je besser das gelingt, desto besser können wir dann auch ins Gegenpressing gehen und den Ball vielleicht vorne schon wieder zurückgewinnen.

Marc: Jetzt hast du eben schon mal kurz die Trainer angerissen, die du selber erleben durftest. Da sind ja ein, zwei sehr klangvolle Namen dabei. Inwiefern bringst du Dinge von damals bewusst ein? Wo versuchst du aber auch bewusst eher eigene Ansätze und Ideen umzusetzen?

EP: Am Ende ist es wahrscheinlich eine Mischung. Ich hatte in meiner aktiven Karriere das Glück, unter sehr, sehr guten Trainern arbeiten zu dürfen, von denen ich viel mitgenommen habe. Damit meine ich weniger einzelne Trainingsübungen als vielmehr die Art und Weise, wie sie Fußball denken. Das versuche ich nun in meine Arbeit einfließen zu lassen. Und ich bin sehr dankbar dafür, jetzt schon eine Mannschaft auf so hohem Niveau trainieren zu dürfen. Ich denke, dass das für mich und meine Entwicklung als Trainer sehr wertvoll ist.

Marc: Natürlich kann man viel über Systeme und Grundordnungen sprechen. Als Trainer finde ich es aber noch wichtiger sich zu fragen, nach welchen Prinzipien man spielen will. Welche zwei oder drei Basics willst du auf jeden Fall sehen? Was ist dir in Ballbesitz und gegen den Ball wichtig? 

EP: In der Trainerausbildung ist das Thema ‚Prinzipien‘ meiner Meinung nach eins der prägendsten. Thomas Tuchel hat mal gesagt: „Wir werden in einer Trainingsform wahrscheinlich nie das Spiel simulieren können, deswegen versuchen wir es gar nicht, sondern trainieren einfach in engeren, kleineren Räumen, um das Spiel am Wochenende dann etwas leichter aussehen zu lassen.“ Dem stimme ich voll und ganz zu. Lässt du als Trainer in Prinzipien trainieren, kann die Mannschaft im Spiel immer wieder auf diese zurückgreifen. 

Marc: Jetzt habt ihr einen relativ großen Kader, wenn man noch die Jungs von der 1. Mannschaft dazuzählt, die ab und zu runterkommen. Wie schafft man es, dass alle Jungs zufrieden sind und dass du alle mitnimmst und dass keine große Unzufriedenheit im Kader entsteht?

EP: Gute Frage. Ich bin ein Freund davon, die Spieler mitzunehmen. Wenn es zum Beispiel ein Spieler am Wochenende nicht in den Kader schafft, dann versuche ich ihm die – in der Regel leistungsbezogenen – Gründe dafür aufzuzeigen. 

Möppi: Also bist du in der Hinsicht ziemlich pragmatisch?

EP: Ich kann mit den Jungs schon mitfühlen. Und einem Spieler sagen zu müssen, dass er nicht im Kader steht, ist eine der schwierigsten Aufgaben als Trainer. Aber ich werde die Regeln nicht ändern können. Ich kann nur zehn Feldspieler und einen Torhüter auf den Platz schicken. Trotzdem versuche ich natürlich für die Jungs da zu sein und ihnen zu sagen, was gut klappt und woran sie noch arbeiten müssen. Manchmal geht es aber auch darum, ihnen aufzuzeigen, dass gegen den einen Gegner ein bestimmter Spielertyp gefragt ist, es in der nächsten Woche aber schon wieder anders aussehen kann.  

Marc: Du hast als Spieler selbst die Erfahrung gemacht nicht oder erst später reinzukommen. Inwiefern hilft dir das dabei, mit den Jungs zu kommunizieren? Glaubst du, dass die Jungs wissen, dass sie jemanden vor sich haben, der die Situation versteht?

EP: In dem Moment, in dem du als Spieler gesagt bekommst, dass du nicht spielst oder nicht im Kader stehst, würdest du den Trainer am liebsten in die Wüste schicken. Damit muss ich leben. Wichtig ist mir aber, wie miteinander kommuniziert wird. Ich muss dem Spieler immer in die Augen schauen können – und das Gleiche erwarte ich auch von ihm. Das ist auch eine Sache des Anstands und Respekts. 
Grundsätzlich kann ich den Spielern aufgrund meiner eigenen Erfahrungen schon auch Tipps geben – schließlich habe ich zum Ende meiner aktiven Karriere auch viel auf der Bank gesessen. (lacht) Ich habe dabei immer versucht zu verstehen, warum der Trainer so entschieden hat. Und natürlich war ich aufgrund meines Ehrgeizes immer der Meinung, dass es die falsche Entscheidung war. Was mir aber nie in den Sinn gekommen wäre, ist zu sagen: ‚Na, dann brauche ich es ja nicht mehr machen.‘ Denn dann hat man als Spieler eigentlich schon verloren. 

Marc: Eben hast du schon mal angesprochen, dass ihr auch abseits sportlicher Themen mal das eine oder andere Gespräch führt. Wie nah bist du an den Jungs dran? Wie groß ist aber auch die Distanz?

EP: Dahingehend vertraue ich auf mein Bauchgefühl und versuche einfach authentisch zu bleiben. Wie bei jedem anderen auch gibt es Tage, an denen mir viel durch den Kopf geht – seien es private Themen, strukturelle Dinge oder etwas in Sachen Fußballlehrer-Ausbildung. An solchen Tagen brauche ich dann vielleicht mal etwas mehr Zeit für mich. Dann kommuniziere ich das mit meinen Co-Trainern, und gebe mal Übungen im Training an sie ab oder schaue mal nur zu. Andererseits gibt es aber natürlich auch Tage, an denen ich relativ gut loslassen kann. Ich glaube, das merken die Jungs dann auch. Dann kann es auch schon mal vorkommen, dass der Trainer die Tür aufreißt und etwas Lustiges erzählt. Das bin dann auch ich. Sowas gehört schließlich in einer Fußballkabine dazu. In solchen Momenten merken die Spieler, glaube ich, dass ich letztendlich einer von ihnen bin und nicht der Chef, der nur bestimmen will. Grundsätzlich kann ich sagen, dass meine Tür für die Spieler und mein Trainerteam immer offensteht.

Marc: Du hast eben schon mal das Trainerteam grob angerissen. Du hast ja selbst auch ein relativ junges Trainerteam.

EP: Das stimmt. Unser Torwarttrainer Milenko [Gilic] ist schon etwas älter und erfahrener. Er tut uns auch unheimlich gut. Ansonsten haben wir in Tobi Trulsen und Sebastian Koch zwei sehr junge Co-Trainer, auch unser Athletiktrainer [Jonas Bode] und Physiotherapeut [Tim Kraks] sind noch relativ jung. Aber: Das Alter ist das eine – die Erfahrung das andere. Tobi Trulsen hat zum Beispiel angefangen als Co-Trainer einer U13, war dann mitverantwortlich für eine U17, U19 und U23. Er hat also schon eine ganze Menge Trainer-Erfahrung. Und das ist für mich total wertvoll. Er nimmt mir zusammen mit Sebastian Koch unglaublich viel Arbeit ab. Sebastian [Koch] hat in Verl auch schon die Videoanalyse gemacht. Ich denke, dass die beiden es auch wertschätzen, dass sie gewisse Dinge so umsetzen können, wie sie es sich vorstellen. Grundsätzlich können wir aber auch sehr kontrovers diskutieren und profitieren alle davon. Am Ende finden wir dann in der Regel zusammen, wobei ich als Cheftrainer natürlich letztendlich verantwortlich bin. Man kann schon sagen, dass wir ein echt cooles Team haben und alle gerne zusammenarbeiten.

Marc: Um vielleicht mal etwas vom Sportlichen wegzugehen – wir kennen uns ja auch ein bisschen abseits des Platzes. Du bist sehr familiär veranlagt. Wenn du Zeit hast, schaust du dir das Spiel deines Sohnes an, obwohl das natürlich ein ganz anderes Niveau ist…

Möppi: Das liegt vor allem am Trainer! [Lachen]

Marc: … Welchen Stellenwert hat Familie für dich und wie wichtig ist diese Unterstützung für dich?

EP: Wenn man mich bei Borussia erlebt, könnte man meinen, dass Fußball für mich das Wichtigste ist. Sobald ich das Stadion betrete, auf dem Trainingsplatz oder an der Seitenlinie stehe und zuhause alles gut ist, ist dem auch so. Die Familie steht für mich aber über allem. Nach dem Training schaue ich zum Beispiel immer als Erstes aufs Handy, ob es etwas Neues von der Familie gibt. Für mich ist es deswegen auch ein großes Privileg, dort arbeiten zu dürfen, wo wir wohnen und die Familie somit bei mir zu haben. So kann ich meine Frau und meine Kinder jeden Tag sehen – auch wenn es nach einem langen Arbeitstag vielleicht mal nur noch für einen Gute-Nacht-Kuss ist oder ich morgens den Kleinen zur Schule fahre. Solche Momente sind mir unheimlich wichtig. Daher freue ich mich auch jedes Mal, wenn meine Frau und unsere Kinder zu den Heimspielen kommen. Das ist absolut kein Muss, aber ich weiß es sehr zu schätzen. Mein älterer Sohn ist extrem fußballbegeistert, der Kleine eher weniger. Und meine Frau kommt, weil ihr Mann an der Seitenlinie steht. (lacht)

Marc: Ich kann nur sagen, dass dein Sohn immer leuchtende Augen hat, wenn er von Dingen spricht, die dich oder den Fußball betreffen. Das ist sehr schön zu sehen.

Möppi: Du bist ja an sich ein ziemlich ruhiger Typ. Ich habe dich jetzt einmal an der Seitenlinie gesehen. Du schaltest dann schon in den Wettkampfmodus, oder?

EP: (lacht) Das kann man wohl so sagen. Insgesamt denke ich, die Mischung macht’s. In der einen oder anderen Situation merke ich selbst, dass ich vielleicht besser etwas ruhiger wäre. Als Bundesliga-Spieler in einem vollen Stadion kann man auf dem Platz schon mal vor sich hin schimpfen, ohne dass es jemand mitbekommt. In den meisten Regionalligastadien ist allerdings jedes normal gesagte Wort zu hören. Das ist ein Lernprozess. Es ist nicht mal so, dass ich sage, ich kann nicht verlieren. Das klingt so negativ. Ich liebe es vielmehr zu gewinnen. Und wenn es dann nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle, dann bin ich auch echt nicht…

Möppi: …der angenehmste Zeitgenosse! [lacht]

EP: Genau! Das war schon früher während meiner aktiven Karriere so. Wenn wir samstags verloren haben, war der folgende Mittwoch der erste Tag, an dem man wieder etwas mit mir anfangen konnte. Das ist inzwischen etwas besser geworden – allein schon, weil meine beiden Kinder das so nicht akzeptieren würden. (lacht) Und dennoch: Wenn beim Spiel am Samstag irgendetwas nicht so gut gelaufen ist, dann beschäftigt mich das auch noch in den Tagen danach. Ich glaube, das liegt an meinem unbedingten Willen zu gewinnen. 

Möppi: Mit dem Satz hören wir auf. Eugen, danke für das Gespräch!

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