StartAnalysenNapoli auf der Zielgerade zum Scudetto 

Napoli auf der Zielgerade zum Scudetto 

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Wenn Juventus und Napoli aufeinander treffen, geht es auf den Rängen und am Platz immer heiß her. Nach jahrelanger Dominanz von Juventus hatte Napoli die letzten beiden Jahre die Nase vorne, diese Saison sieht alles nach dem lang erwünschten Scudetto aus. Aufgrund des 5:1 Heimsieges gegen Juventus im Jänner und der aktuellen Tabellensituation ging Napoli sogar als Favorit in dieses Duell. In diesem Artikel analysiert Alex, wie die beiden Trainer ihre Mannschaften taktisch eingestellt haben. 

Grundordnungen

Napoli startete in das Spitzenspiel wie gewohnt im 4-3-3, Mario Rui und Politano zogen sich im CL-Rückspiel gegen Milan Verletzungen zu und waren deshalb nicht im Kader. Amir Rrahmani nahm bei Anpfiff erstmal auf der Bank Platz, da auch er nicht 100% fit war. Außerdem bekamen Anguissa und Ndombele den Vortritt vor Zielinski. Allegri hingegen überraschte mit seiner 4-4-2 Aufstellung, Chiesa, Di Maria, Vlahovic und Fagioli befanden sich alle nicht in der Startaufstellung. Auch Bremer saß angeschlagen auf der Bank, für ihn startete Rugani das erste Mal seit Februar.

Grundformationen Juventus vs Napoli
Die beiden Grundformationen

Juventus im Aufbauspiel

Juventus baute das Spiel in einer 4+2 Struktur auf, wobei ein Spieler im Double Pivot etwas höher stand. Ausschlaggebend dafür war der sehr flexibel einsetzbare Danilo, der dafür auf die linke Außenverteidigerposition rückte. Den „Regista“ gab meistens Locatelli, der sich im Laufe der Saison in dieser Rolle sehr positiv entwickelt hat und am Sonntag wieder eine starke Leistung lieferte. Situativ ließ er sich aber auch in die Abwehrkette fallen, um das Spiel von dort selbst aufzubauen. Den zweiten Spieler im „double pivot“ bildete dann neben Rabiot der einrückende Soulé. Ziel davon war es, die Schienenspieler Cuadrado und Kostic höher positionieren und isolieren zu können. Juventus probierte daher auch sehr oft, über die Außenspieler zu progressen, was aber nicht wirklich gelang, da der ballnahe Mittelfeldspieler von Napoli, sobald Cuadrado oder Kostic den Ball bekamen, den jeweiligen Außenverteidiger direkt unterstützte. Das Rausspielen der „Bianconeri“ war deshalb meist sehr schnell durch einen langen Ball oder gutem Pressing der Neapolitaner beendet. Napoli ließ im Schnitt pro defensiver Aktion nur 5.5 Pässe zu, bevor sie einen Ballverlust erzwingen konnten.

Juventus Aufbauspiel gegen Napoli
Juventus im Aufbauspiel (Bildquelle: Wyscout)

Napoli setzt Juve unter Druck

Wie gewohnt presste Spallettis Mannschaft sehr aggresiv und hoch. Dafür schob ein Achter, meistens Ndombele, auf die Höhe von Osimhen um die Innenverteidiger Mann zu Mann anlaufen zu können. Napolis Flügelspieler hatten die Aufgabe den jeweiligen Außenverteidiger zuzustellen und Lobotka schob auf den Sechser von Juventus hoch. Dadurch war oft die einzige Lösung der hohe Ball, wobei Napoli über 60% der Lufzweikämpfe gewann und so Ballverluste erzwingen konnte. Man hatte das Gefühl Juventus will, wie so oft diese Saison, gar nicht Fußballspielen. Sobald sie den Ball verloren, konnten sie sich wieder auf das wichtige konzentrieren, nämlich das Verteidigen.

Napolis Pressing gegen Juve
Napolis Pressing (Bildquelle: Wyscout)

Das hohe Pressing machte es Juve zwar schwer sich Chancen zu kreieren, ist aber auch mit sehr viel Risiko verbunden. In manchen Situationen presste das Mittelfeld der Neapolitaner hoch, während die letzte Kette, anstatt hoch mitzuschieben, eher tiefer stand. Dies sorgte dafür, dass die Abstände zwischen den Linien teilweise riesig waren. In diesen freien Räumen positionierten sich mehrere Spieler der „Bianconeri“, die Locatelli durch gute linienbrechende Pässe anspielte. Dadurch hatte man dann schon bis zu sechs Spieler von Napoli überspielt und konnte in Überzahl auf die letzte Kette zulaufen. Glücklicherweise für Napoli gelang es Allegris Mannschaft so gut wie nie diese Möglichkeiten in tatsächlich gute Torchancen umzuwandeln.

Locatelli Pass auf Soulé
Locatelli bespielt den Raum zwischen den Linien (Bildquelle: Wyscout)

Juventus parkt den Bus

Allegri ist bekannt dafür, einen sehr defensiven Fußball spielen zu lassen, genau das machte er auch am Sonntag. Juventus verteidigte in einem tief- bis mittelhohen 4-4-2 Block. Dadurch, dass man so tief stand nahm man Napoli eine ihrer größten Waffen, nämlich mit Bällen in die Tiefe Osimhen in Laufduelle zu schicken, die der nigerianische Stürmer gegen Gatti, Rugani oder auch Danilo wahrscheinlich ausnahmslos gewonnen hätte. Der 19-jährige Fabio Miretti, der eigentlich ein zentraler Mittelfeldspieler ist, hatte in diesem Spiel die Aufgabe, mit Arkadiusz Milik die erste Pressinglinie zu bilden. Viel wichtiger aber war sein Auftrag, sich immer so zu positionieren, dass Lobotka sich in seinem Schatten befand und es für Napolis Innenverteidiger schwer war, ihn anzuspielen. Deswegen schob, entweder Lobotka selbst, oder einer der beiden Achter zwischen Kim und Jesus, um das Spiel von dort aus aufzubauen. Erst in den letzten 20 Minuten entschied sich Juve dafür, Napoli höher anzulaufen, es funktionierte sogar ganz gut, diese Umstellung kam jedoch zu spät.

Juventus Struktur gegen den Ball
Die Stuktur von Juventus gegen den Ball (Bildquelle: Wyscout)

Mit Ball zu wenig von Juve

Der Matchplan des 55-jährigen Juventus Trainers war es, Napoli den Ball zu überlassen und sich auf die Arbeit gegen den Ball zu konzentrieren. Die einzigen 2 Großchancen von Juventus waren Tore, beide wurden aberkannt. Abseits davon kam viel zu wenig, nur 4 Torschüsse und 0.35XG sind schwache Werte. Das Spiel der “Bianconeri” lief viel über ihre Wingbacks, denen jedoch oft die Passoptionen fehlten, ihre Mitspieler besetzten die Box meistens sehr mangelhaft und gleichzeitig befanden sich zu viele Spieler hinter dem Ball. Es fehlte den Gastgebern auch an individueller Qualität, da mit Di Maria der wichtigste Spieler im Spiel mit dem Ball auf der Bank saß. In einem Spitzenspiel kannst du nicht deine 3 besten Offensivspieler auf die Bank setzen, so auftreten und dann auch noch verlieren.

Napoli dominiert den Ballbesitz  

Napoli agierte mit Ball in einem 4-2-4 wobei wieder ein „Achter“ auf die Höhe von Osimhen schob und dadurch eine 4v4 Situation in der letzten Linie erzeugte. Sobald einer der vier Offensivspieler Napolis jedoch den Ball bekam, ließ sich das Mittelfeld der Turiner schnell fallen und überlud ballnah, sodass es nur selten tatsächlich zu 1v1 Situationen kam.

Napoli in Ballbesitz
Die 4v4 Situation in der letzten Linie (Bildquelle: Wyscout)

Die Flügelspieler der Azzurri hatten dabei die Aufgabe, die Breite zu halten, dadurch Juves Kette auseinanderzuziehen und Lücken zu erzeugen. Dies gelang jedoch nicht, weil Danilo sich nicht auf den Flügel konzentrierte, sondern auf Osimhen einschob. Die Priorität war es den besten Torschützen der Liga ständig zu doppeln und dadurch aus dem Spiel zu nehmen. Wenn Napoli probierte, den dadurch freistehenden Außenspieler anzuspielen, dauerte das meistens aber viel zu lang und Juve konnte rechtzeitig verschieben.

Juventus verschiebt auf Lozano
Juventus verschiebt schnell auf den Flügelspieler (Bildquelle: Wyscout)

Gab man Osimhen nur einmal die Möglichkeit in die Tiefe zu laufen wurde es direkt gefährlich. Eine der besten Chancen des Abends hatte Napoli als Juventus nur kurz Osimhen nicht doppelte. Di Lorenzo hat auf dem Flügel den Ball, sieht, dass der Stürmer nur einen Gegenspieler hat und in die Tiefe startet. Der Rechtsverteidiger spielt einen perfekten Pass in den Lauf von Victor, der seinem Gegenspieler natürlich davon kommt und am Ende nur knapp das Tor verfehlt.

Osimhens Lauf hinter die Kette von Juventus
Osimhen wird in die Tiefe geschickt (Bildquelle: Wyscout)

Wenn man gegen Napoli bestehen will, ist es eine der wichtigsten Aufgabe den georgischen Flügelspieler Khvicha Kvaratskhelia zu stoppen oder ihm zumindest das Leben schwer zu machen. Dies tat Juventus 90 Minuten lang, sobald der Ball zu Kvara kam, half zusätzlich zu Cuadrado mindestens ein weiterer Spieler dabei, ihn vom Tor wegzuhalten. Dazu kam, dass der angesprochene Mario Rui fehlte, der Linksverteidiger, der mit Kvara offensiv besser harmoniert als Olivera. Eine Möglichkeit dem Doppeln entgegenzuwirken wäre, dass der Linksverteidiger überläuft. Genau das war das Problem mit Olivera, der oft zu spät, oder überhaupt gar nicht, den überlaufenden Weg hinter Kvara vorbei gemacht hat, wodurch sich alle Verteidiger auf Juves rechter Abwehrseite auf den Georgier konzentrieren konnten.

Kvara wird gedopplelt und Olivera überläuft zu spät
Kvara wird gedoppelt, Olivera überläuft zu spät (Bildquelle: Wyscout)

Um gegen das Doppeln entgegenzuwirken probierte Napoli meistens mit einem zentralen Mittelfeldspieler (meist Ndombele) und dem Linksverteidiger die Unterzahl auszugleichen. Kvara ließ sich fallen, während Ndombele auf seine Position rückte. Durch Oliveras underlapping Läufe entstand ein Dreieck womit sich Napoli aus dem Druck kombinieren konnte. Wenn das gelang machte es jedoch die gute Besetzung des Zentrums der Gastgeber extrem schwer für Napoli wirklich gefährlich zu werden.

Kvara, Olivera und Ndombele bilden ein Dreieck
Kvara kombiniert sich mit Olivera und Ndombele aus der Unterzahlsituation (Bildquelle: Wyscout)

Spallettis Wechsel entscheiden das Spiel

Knapp 20 Minuten vor Ende der regulären Spielzeit entscheidet sich Luciano Spalletti dafür Elmas und Zielinski zu bringen. Eine völlig nachvollziehbare Entscheidung Ndombele und Lozano vom Feld zu nehmen, die im letzten Drittel weniger Gefahr ausstrahlen als ihr jeweiliger Ersatz. Beide frischen Spieler verfügen auch über ein viel besseres Endprodukt und stellen die Abwehr der Gastgeber unter große Probleme in 1v1 Situationen. Zielinski stellte seine Qualität unter Beweis, als er sich in der Nachspielzeit alleine gegen 2 Gegenspieler durchsetzt und im Doppelpass mit Osimhen trotz einer 2v6 Unterzahl eine ausgezeichnete Chance kreiert.  

Zielinski dribbelt 2 Gegner aus
Zielinski setzt sich gegen 2 Gegenspieler durch (Bildquelle: Wyscout)

Nur 3 Minuten vor Spielende gelang Napoli allerdings tatsächlich noch der Siegtreffer. Der eingewechselte Zielinski dribbelte Locatelli aus, wodurch Danilo auf ihn schieben musste. Elmas bekommt den Ball am Flügel und kann völlig ohne Bedrängnis flanken, Juventus konzentrierten sich im Zentrum nur auf Osimhen und Anguissa, vergaßen dadurch auf Raspadori, der am langen Pfosten fast unbedrängt abdrücken konnte und das entscheidende Tor erzielte. Luciano Spalletti hat mit seinen Wechseln alles richtig gemacht, alle drei zu diesem Spielstand eingewechselten Spieler waren maßgeblich an diesem Tor beteiligt. Das veranschaulicht auch ein weiteres Mal die Qualität der Mannschaft, der breite Kader von Napoli hat dem zukünftigen Meister auf diesem Weg einige wichtige Punkte gerettet.

Die Entstehung des Treffers (Bildquelle: Wyscout)

Fazit:

Juventus hatte sich an diesem Tag keinen Punkt verdient, sie haben selbst nichts fürs Spiel gemacht und waren defensiv einmal zu oft fehleranfällig. Sich gegen Napoli über lange Strecken hinten rein zu stellen, funktioniert nur, wenn man wenig Fehler macht und sich mit gutem Umschalten befreien kann, beides gelang Juventus nicht wirklich. Napoli wird spätestens in ein paar Wochen völlig verdient Meister werden, sie sind das beste Team der Liga und spielen auch den besten Fußball in Italien. Für Juventus bleibt das Rennen um einen CL-Platz weiter spannend.

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