StartAnalysenDaniel Farke - eine Saison zwischen Euphorie und Resignation

Daniel Farke – eine Saison zwischen Euphorie und Resignation

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Lucas blickt zurück auf die Saison unter Daniel Farke als Trainer von Borussia Mönchengladbach. Warum die Saison die Fans in zwei Lager gespalten hat und worauf es in Zukunft ankommen wird, lest ihr hier. 

Jedem (Neu-) Anfang wohnt ein Zauber inne. 

Freundlich und vertrauenserweckend lächelt Daniel Farke auf den ersten Bildern als Trainer von Borussia Mönchengladbach, welche bereits wenige Minuten vor seiner offiziellen Vorstellung auf den sozialen Medien kursieren in die Kameras.

Auf der folgenden Pressekonferenz wird schnell klar, Daniel Farke weiß was es bedeutet, nun Trainer eines Traditionsvereins zu sein. Er überzeugt durch seine Rhetorik und wirkt sehr gut vorbereitet, strahlt Selbstbewusstsein und Sicherheit aus. Bereits in den ersten Minuten wird klar, Daniel Farke gelingt es, Menschen von sich zu überzeugen und spricht von Beginn an von “Wir bei Borussia Mönchengladbach”. Dass dies bei den Fans, aber auch den Verantwortlichen im Verein gut ankommt, wird schnell deutlich. Nicht nur Sportdirektor Roland Virkus “war sofort angefixt”.  

Daniel Farke weiß, was ihn erwartet und verkündet optimistisch: „Es ist nicht ganz einfach, mit den finanziellen Gegebenheiten sämtliche Wünsche zu erfüllen, aber wir sind alle sehr, sehr hoffnungsfroh, dass uns das in einer guten Weise gelingen wird.” Gleichzeitig versucht der neue Cheftrainer die Erwartungen im Rahmen zu halten: “Es wäre falsch, ein zu euphorisches Ziel auszugeben. Das steht uns nach der vergangenen Saison nicht zu.”

Genaue Saisonziele wurden dabei sowohl vom Trainer als auch vom Sportdirektor nicht ausgerufen. Es gehe darum, nach den Endplatzierungen 4, 8 und 10 “den Abwärtstrend zu stoppen” und “eine stabile Saison zu spielen.”

Tatsächlich jedoch war zu Beginn der Saison eine Art Aufbruchstimmung im Verein zu verspüren. Von den acht Spielen der Sommer Vorbereitung, u.a. gegen die spanischen Erstligisten Athletic Bilbao und Real Sociedad, ging kein einziges verloren (4 Siege/4 Unentschieden). 

Das erste Pflichtspiel der neuen Saison im Freiburger Dreisamstadion gewann die Borussia gar mit 9:1. Auch wenn es sich beim Gegner, dem Oberligisten SV Oberachern, nicht gerade um die Kategorie Gegner gehandelt haben dürfte, mit der es die Fohlen im Laufe der anstehenden Saison zu tun bekommen dürften. Der Stimmung im gesamten Verein schadete dieser torreiche Einzug in die zweite Pokalrunde zumindest keineswegs. 

Und so kam es, dass sich bereits Stunden vor dem Anpfiff zum ersten Spiel der neuen Bundesliga Saison gegen die TSG Hoffenheim rund 4.000 Borussia Fans auf dem Alten Markt in der Mönchengladbacher Innenstadt versammelten. Von dort aus zogen die überwiegend in weiß gekleideten Fans Fahnen schwenkend und Lieder singend in Richtung Stadion. Das in der Nordkurve ausgerollte Banner sollte einen wichtigen Punkt beinhalten, welcher zum Ende der Saison jedoch bereits zur Zerreißprobe für so manchen Fan werden würde: „…GEMEINSAM FÜR BORUSSIA.”

Eine Saison mit hohen Höhen und tiefen Tiefen

Berauschende Fußballfeste wie die Heimsiege gegen Bayern, Dortmund, Leipzig und dem Derby wechselten sich ab mit herben Niederlagen in Bremen, Berlin, Mainz und Dortmund.  In der Heimtabelle wurde die Saison auf dem 6.Platz abgeschlossen, auswärts hingegen kam man mit nur einem einzigen Sieg auf Platz 16 ins Ziel. Am Ende wird auch diese Inkonstanz ihren Teil dazu beigetragen haben, dass es zwischen Daniel Farke und der Borussia am Ende nicht funktioniert hat. Immer wieder gab es Momente, in denen die Spielidee, das Ziel von Daniel Farke, deutlich zu erkennen war. So z.B. beim 2:0 Führungstreffer im Borussia-Park gegen den VfB Stuttgart oder auch beim 1:1 im Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt. Leider jedoch gab es auch zu oft Auftritte, in denen die Mannschaft der Vorgabe des Trainers nicht gewachsen schien. 

Nachdem Farke und die Mannschaft sich durch einen 4:2 Heimsieg gegen den BVB im letzten Spiel des Jahres 2022, noch relativ kritiklos in die lange Winterpause verabschiedeten, kam mit Beginn des neuen Kalenderjahres mehr und mehr Unruhe auf. 

Auf nur zwei Siege aus 10 Spielen, wenn auch gegen die Bayern und inkl. des einzigen Auswärtserfolgs, folgte ein glückloses 0:0 im Derby beim Rivalen aus Köln. In diesem Spiel waren zum ersten Mal “Farke raus” Rufe aus der Gladbacher Kurve zu vernehmen.

Es war wohl spätestens zu diesem Zeitpunkt, zu dem die Gladbacher Fangemeinde begann, sich in zwei konträre Lager aufzuspalten. Auf der einen Seite die Stimmen, die zunehmend vehementer die Trennung von Daniel Farke forderten und auf der anderen diejenigen, die bereit waren auch den zeitweiligen Misserfolg hinzunehmen, um dem Projekt um Daniel Farke eine schwere Chance zu geben. Während es zwischenzeitlich den Eindruck machte, dass die Vereinsführung sich auch öffentlich zum “Pro-Farke” Lager bekannte, musste man letztendlich feststellen, dass die Ansichten über den weiteren Weg der Borussia dann doch zu weit auseinander gingen. So steht am Ende der Saison fest, dass sich die Wege der Borussia und Daniel Farke nach nur einem Jahr wieder trennen.

Wieder zurück auf Start

Während die Meldung, dass Daniel Farke entlassen wurde, nun erst wenige Stunden alt ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, den Blick bereits nach vorne zu richten. Wir als Fans dieses großen Vereins Borussia Mönchengladbach sollten in der kommenden Saison wieder zusammenfinden, um uns wieder gemeinsam hinter die Raute zu stellen. Auch wenn der Nachfolger noch nicht offiziell verkündet wurde, deutet aktuell doch vieles darauf hin, dass der Schweizer Gerardo Seoane die Borussia in der kommenden Saison trainieren wird. Ich wünsche mir und allen Borussia Fans, dass wir uns bald wieder gemeinsam über erfolgreiche Zeiten bei der Borussia freuen können. Das wird aber nur funktionieren, wenn wir alle geschlossen zusammenstehen und auch dem dritten neuen Trainer zum Start der Saison eine faire Chance geben. Ich wünsche mir, dass wir ein Stück weit die rheinische Gelassenheit zurückkehren lassen und uns wieder etwas darauf besinnen, wer wir und unser Verein sind. Ich möchte auch gerne früher als später wieder tolle Europapokal-Feste feiern, doch müssen wir uns dessen bewusst sein, dass unser Verein nun mitten in einem Wandel steckt, in dem wir all unsere Kraft auf ein gemeinsames Ziel lenken müssen. Wir sollten aufpassen, nicht zu schnell die Geduld zu verlieren und zum Wohl des Großen und Ganzen auch den ein oder anderen Tiefschlag einstecken. Am Ende hat unsere Borussia schon immer von der Gemeinschaft und dem Miteinander gelebt. Wenn wir diesen Spirit wiederbeleben, bin ich fest davon überzeugt, dass wir auch wieder gemeinsam erfolgreich sein werden, solange wir immer alles geben, um Borussia siegen zu sehn´.

Danke Daniel!

Am Ende möchte ich mich gerne bei Daniel für seine Zeit bei unserer Borussia bedanken. Ich schreibe dies aus meiner persönlichen Überzeugung und auch in dem Wissen, dass es sicherlich auch einige Fans geben wird, die froh sind, dass Daniel die Borussia in der nächsten Saison nicht länger trainieren wird. 

Ich persönlich bin Daniel sehr dankbar für die Zeit und das Herz, das er in unseren Verein investiert hat. Daniel war in seiner Zeit bei uns das, was er immer in seinen Spielern gesehen hat: ein Gentlemen. Obwohl gerade zum Ende seiner Amtszeit die Kritik immer größer wurde und auch nicht immer fair war, hat er sich kein einziges Mal schlecht gegenüber dem Verein, den Fans, Spielern oder Verantwortlichen geäußert. 

Daniel hat bei uns eine Aufgabe übernommen, an der vor ihm bereits andere gute Trainer letztendlich gescheitert sind und er hat diese Aufgabe aus tiefster Überzeugung und großem Respekt übernommen. Ich habe nicht ein einziges Mal an seiner Aufrichtigkeit und seinem commitment gegenüber dem Projekt gezweifelt. Auch wenn sicherlich vieles noch nicht perfekt war und es in einigen Bereichen Verbesserungspotenzial gab, war ich immer zu 100% davon überzeugt, dass Daniel der Richtige Mann für diese Aufgabe war. Seine Spielidee war gänzlich anders als die aktuell in der Bundesliga vorherrschende Besessenheit auf Pressingmaschinerien. Mit etwas mehr Zeit und dem entsprechenden Spielermaterial bin ich mir sicher, dass wir unter Daniel einen sehr begeisterten Fußball zu sehen bekommen hätten. 

Nun jedoch bleibt nur der stolze Blick zurück, um wieder volle Kraft nach vorn zu geben. Daniel war und wird von nun an immer ein Teil der Geschichte von Borussia Mönchengladbach sein und ich glaube fest, dass er das auch stets gerne war und in Zukunft sein wird. Ich wünsche Daniel für seine private und auch berufliche Zukunft nur das Beste. Ich bin sicher, dass er seinen Weg gehen wird und einen Verein findet welcher ihm die Chance geben wird, zu zeigen, dass er einfach ein wirklich guter Trainer ist. Ich werde Daniel immer dankbar bleiben für seinen Einsatz von der ersten Minute an, für die neue Hoffnung, welche er mir zu Beginn der Saison verliehen hat, für seinen Mut, auch mal einen neuen Weg zu gehen, in dem Wissen, dass dieser Weg kein leichter sein würde und vor allem dafür dass ich stets das Gefühl hatte, dass Daniel auch mich als Fan versteht. Daniel hat diesen Verein und die Werte verstanden und zu diesen gestanden. Uns verlässt ein aufrichtiger, ehrlicher Mann, der obendrein auch noch den Fußball versteht, wie wohl nur wenige es tun. Gerne hätte ich gesehen, was hier mit etwas mehr Zeit und Geduld hätte entstehen können.

So bleibt mir am Ende nur schweren Herzens zu sagen:

Farewell, mein Coach, es war mir eine Ehre. 

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