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Kimmichs Wichtigkeit, Bochums mögliches Wunder und Freiburgs Effizienz – 3 Beobachtungen zum 30. Spieltag

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Der 30. Spieltag sah erneut einen Wechsel an der Tabellenspitze, da der BVB, auch dank einer katastrophalen Schiedsrichterleistung, beim VfL Bochum nicht über ein Unentschieden hinauskam.

Stuttgart, mit einem Sieg gegen Gladbach, und Schalke, mit einem Last-Minute-Sieg gegen Bremen, beweisen, dass der Abstiegskampf so spannend bleibt wie kaum zuvor und Wolfsburg hält das Rennen um Europa, mit einem Sieg gegen Mainz, ebenfalls weiter offen.

Hier sind 3 Beobachtungen zum 30. Spieltag von Dominic.

1 – Joshua Kimmich: Seine Wichtigkeit, seine Stärken und seine Ecken

Beim enorm wichtigen, aber glanzlosen, 2:0 Sieg der Bayern am Samstag gegen Hertha Berlin erwischte der, an dem Tag, Bayern-Kapitän Joshua Kimmich einen absoluten Sahnetag.

Nicht nur entschied er die Partie mit 2 traumhaften Torvorlagen beinahe im Alleingang, er stellte obendrein noch einen Bundesliga-Rekord auf.

Laut Opta hat seit der detaillierten Datenerfassung der Bundesliga (zur Saison 2004/05) kein Spieler jemals so viele Chancen in einem Spiel kreiert wie Kimmich gegen die Hertha (11).

Diese enorme Kreativität ist eine von Kimmichs großen Stärken. Trotz seiner, auf dem Papier, eher defensiven Position auf dem Feld, ist er zum Beispiel mit 6,47 Expected Assists auf Platz 8 der gesamten Liga. Der Nationalspieler kreiert 2,8 Chancen pro Spiel. Vor ihm liegen lediglich Borna Sosa (3,1), Jonas Hofmann (3,1), Florian Wirtz (3) und Kingsley Coman (2,9).

Allen voran seine (hohen) Bälle hinter die gegnerische Abwehrkette sind ligaweit gefürchtet. Bereits 28 dieser tödlichen Pässe spielte Kimmich in dieser Saison. 3 davon wurden zu direkten Vorlagen. Beides Bestwerte der Liga. Generell sieht ein typischer Angriff der Bayern in etwa so aus: Langer Pass von Kimmich hinter die Kette auf einen Flügelspieler. Dieser legt den Ball dann in die Mitte und ein eingelaufener Spieler kann aufs Tor schießen.

Kaum verwunderlich, dass Kimmich deshalb die meisten sekundären Assists der Bundesliga gesammelt hat (11).

Doch diese Kreativität (unter anderem 94 Assists in 343 Spielen für Bayern) ist, so absurd es bei solchen Werten klingen mag, bei seinem breitgefächerten Skillset, eigentlich nur ein Bonus.

Denn just wie essentiell Kimmich für das Spiel der Bayern ist, wird deutlich, wenn man sich ansieht, was er im Ballbesitz macht und wie involviert er im Spielgeschehen ist: Der xG-Chain-Wert misst alle xG Aktionen, an denen ein Spieler beteiligt ist. Hier liegt Kimmich mit 26,23 auf Platz 1 der Liga. Wenig verwunderlich, warum er von all seinen letzten Trainern, Hansi Flick, Julian Nagelsmann und jetzt Thomas Tuchel, zum Herzstück der Mannschaft gemacht wurde.

Vor allem seit dem Abgang von Thiago geht beinahe der gesamte Spielaufbau der Münchner durch Kimmich. Er übernimmt gerne Verantwortung und fordert ständig den Ball. Kein Spieler kommt auf mehr als seine 2701 Ballkontakte in dieser Saison. Nur die Verteidiger Joško Gvardiol (80,7), Dayot Upamecano (80,5) und Benjamin Pavard (79,6) bringen pro Spiel mehr Pässe an den Mann als Joshua Kimmich (75). Der nächste Mittelfeldspieler folgt in diesem Ranking übrigens erst auf Platz 16 (Exequiel Palacios mit 55 / ganze 20 weniger als Kimmich).

Wie wichtig Kimmich für den Spielaufbau ist, verdeutlicht außerdem der xG-Buildup-Wert (dieser misst alle xG Aktionen des Teams, an denen ein Spieler involviert ist, außer Schüsse und kreierte Chancen). Kein Spieler in der Liga kommt an Kimmichs Wert von 21,92 heran. Kimmich ist derjenige, der den Ball von den Verteidigern abholt und dann die Aufgabe hat, ihn nach vorne zu treiben.

Dies geschieht zum Beispiel durch einen „Carry” (eine Aktion, die den Ball 5+ Meter nach vorne trägt.) Obwohl Kimmich nicht wirklich als klassischer Ballträger gilt, liegt er mit 20 Carries pro Spiel auf Platz 6 der Liga.

Viel lieber bedient sich Kimmich aber seiner größten Stärke, dem Passspiel. Hier ist er in so ziemlich allen Kategorien europäische Spitzenklasse. Mit 146 hat er die fünftmeisten langen Pässe der Liga an einen Mitspieler gebracht. Kein Feldspieler, mit mehr als 75 angekommenen langen Pässen, hat eine bessere Genauigkeit als er (74,87%).

Des Weiteren spielt Kimmich die meisten progressiven Pässe der Liga (10,4). In Europas Top-5 Ligen spielen nur Toni Kroos, Dani Ceballos und Marco Verratti mehr pro Spiel. Kimmichs 9,05 Pässe ins letzte Drittel können ebenfalls nur die üblichen Verdächtigen um Toni Kroos, Dani Ceballos, Enzo Fernández, Marco Verratti und Benjamin André überbieten.

Wie man gegen Hertha Berlin gut sehen konnte, ist Kimmich ebenfalls enorm gut darin, den Ball in den gegnerischen 16er zu bringen. Mit 2,41 Pässen in den gegnerischen 16er liegt er auf Platz 3 hinter Kingsley Coman (3,1) und Borna Sosa (2,62). Letzterer erreicht seinen Wert vor allem über sehr präzise Flanken.

Auch fernab der reinen Daten ist Kimmich ein Spieler, den jeder Trainer gerne hätte. Trotz vieler Nebengeräusche beim Rekordmeister, allen voran während der Impfdebatte um seine Person, ruft Kimmich immer konstant seine Leistung ab, vor allem im Ballbesitz. Diese Saison ist er beim FC Bayern einer der wenigen Spieler, die ihre Form selbst nach der WM-Enttäuschung halten konnten.

Im Englischen gibt es das Sprichwort: „The best ability is availability“. Zu Deutsch: die beste Fähigkeit ist Verfügbarkeit. Dieses passt bei Kimmich wie die Faust auf das Auge. Denn Kimmich spielt immer, wird so gut wie nie geschont und spielt die 90 Minuten auch bei deutlichen Führungen durch.

Steht er denn mal nicht auf dem Platz, wie nach seiner Auswechslung beim 1:3 in Mainz, wird einem nochmal vor Augen geführt, wie wichtig er für das Spiel der Bayern ist. In dem Spiel kreierten relativ hilflose Münchner, nach der Auswechslung von Kimmich in der 75. Minute, bis zum Spielende lediglich eine Chance, obwohl es zum damaligen Zeitpunkt erst 1:2 stand.

Diese enorme Fitness (lediglich 2,9 Spiele pro Saison verpasste Kimmich in seinen 8 Jahren in München verletzt/krank) spiegelt sich auch in den Laufdaten wider. Kimmich läuft, obwohl der FC Bayern als notorisch lauffaul gilt, seit Jahren durchschnittlich mehr als 12 Kilometer pro Partie und ist dahingehend regelmäßig in der Top-3 der Liga.

Da Kimmich, auch aufgrund seiner Körpergröße (1,77m), über keine klassische  „Sechser”-Statur verfügt, wird ihm zum Teil eine defensive Schwäche angedichtet. Diese lässt sich jedoch schwer beweisen. 

Auch wenn Kimmich, auch aufgrund der sehr offensiven Spielweise der Bayern, allen voran unter Julian Nagelsmann, defensiv nicht immer perfekt steht, ist er in den Basics des Verteidigens immer noch solide.

Er kann das Spiel auch defensiv sehr gut lesen. Dies wird deutlich, wenn man sich die abgefangenen Bälle ansieht. Bereits 39 „Interceptions” hat Kimmich in dieser Saison, ist damit mehr oder weniger gleichauf mit Spielern wie Rani Khedira (40) und Robert Andrich (38), die den defensiven Part des Spiels als ihr Prunkstück sehen.

Pro Spiel hat Kimmich dazu noch 2,4 (von 3,6) erfolgreiche Tacklings, damit ist er auf einem ähnlichen Level wie Emre Can (2,6 von 3,6), Ellyes Skhiri (2,6 von 3,9), Leandro Barreiro (2,4 von 3,3) und Atakan Karazor (2,3 aus 3,3).

Etwas, worüber sich viele Zuschauer, auch bei der Nationalmannschaft, aufregen, sind die Eckbälle von Kimmich. Doch sind diese wirklich so schlecht, wie sie scheinen?

Auffällig ist allen voran die schiere Masse an Eckbällen. Kimmich hat in dieser Bundesliga 180 Ecken getreten, davon haben 73 einen Mitspieler gefunden und 107 nicht. Beide Werte sind logischerweise Topwerte der Liga (Bayern hat mit 6,8 schließlich die meisten Ecken pro Spiel). In Europas Top-5 Ligen hat in dieser Saison nur Kieran Trippier mehr Eckbälle getreten (185).

Kimmich hat also mit 40,56% seiner Eckbälle einen Mitspieler gefunden. Zum Vergleich: die 43 Spieler in der Bundesliga, die mindestens 20 Ecken getreten haben, haben durchschnittlich 38,65% an den Mann gebracht. Kimmich liegt also hier knapp über dem Durchschnitt.

35 Ecken (19,44%) von Kimmich führten unmittelbar zu einem Torschuss (Bundesliga-Durchschnitt von Spielern mit mehr als 20 Ecken: 18,64%). Daraus wurde jedoch nur ein einziges Tor erzielt.

Ergo: nur 0,56% von Kimmichs Ecken führten zu einem Assist. Das ist logischerweise die schlechteste Quote aller Bundesliga-Spieler mit mindestens einem Assist nach einem Eckball (1,52% der Ecken von Spielern mit mindestens 20 Eckbällen wurden zu einem Assist).

Dass diese schlechte Ausbeute nur an Kimmichs Unvermögen liegt, lässt sich jedoch auch nicht pauschal sagen. Bayern ist, auch aufgrund des Abgangs von Robert Lewandowski (letzte Saison 6 Kopfballtore), generell kein besonders kopfball starkes Team, vor allem wenn sie ohne Choupo-Moting spielen (müssen). Lediglich 15,28% aller Bayern-Abschlüsse sind mit dem Kopf (Platz 16 der Liga).

Trotzdem lässt sich wohl sagen: Kimmich ist in dieser Saison, anders als in beinahe sämtlichen anderen Kategorien, bei Eckbällen lediglich Durchschnitt. 

Kimmich Vorlage gegen Hertha
Quelle: Wyscout

(Joshua Kimmich spielt gegen Hertha Berlin einen Chip-Ball auf Serge Gnabry, der nur noch einköpfen muss.)

2 – Thomas Letsch und der VfL Bochum beweisen: Totgeglaubte leben länger

Das Freitagsspiel zwischen dem VfL Bochum und Borussia Dortmund wird vielen wohl aufgrund des Ergebnisses (1:1) und der kontroversen Schiedsrichterentscheidungen in Erinnerung bleiben. Doch hier soll es weder um die Dortmunder noch um den Schiedsrichter gehen. Hier soll es um den VfL Bochum gehen, der sich einen Punkt gegen den Revierrevalen erkämpfte und damit immer noch den Klassenerhalt in eigenen Händen hat.

Eine Woche vorher, als Bochum gegen sehr effiziente Wolfsburger zu Hause 1:5 baden ging, hätte der Eindruck entstehen können, dass ihnen, vor allem defensiv, die Luft ausging. Doch wie so oft in dieser Saison meldete sich der VfL im Derby in beeindruckender Weise zurück. Mit nun nur 2 Niederlagen in den letzten 7 Spielen und einem Restprogramm, in dem es gegen Gladbach, Augsburg, Hertha und Leverkusen geht, könnte Bochum tatsächlich das Wunder des erneuten Klassenerhalts schaffen.

Dabei waren so ziemlich alle Vorzeichen für die Bochumer, in dem bekanntermaßen so schwierigen „verflixten zweiten Jahr” in der Bundesliga, denkbar schlecht.

Seit 2016 mussten Darmstadt (16/17), Ingolstadt (16/17), Stuttgart (18/19), Hannover (18/19), Düsseldorf (19/20) und Bielefeld (21/22) jeweils im zweiten Bundesligajahr den Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Auch die Euphorie, die nach dem Klassenerhalt im letzten Sommer so groß wie selten an der Castroper Straße war, verflog im Sommer relativ schnell. Sportdirektor, und einer der Architekten des Aufstiegs, Sebastian Schindzielorz, verkündete sehr früh, dass er den Verein verlassen wird.

Trainer Thomas Reis, der die Mannschaft in der Saison 19/20 auf Platz 17 der 2. Liga übernahm und die Klasse hielt, 20/21 den Aufstieg und 21/22 dann sensationell den Klassenerhalt feierte, wollte den Verein im Sommer ebenfalls verlassen. Ihm wurde die Freigabe jedoch verwehrt.

Personell gestaltete sich die Kaderplanung, auch aufgrund des geringsten Etats der Liga, als äußerst schwierig. So ziemlich die komplette Achse brach weg.

Das Innenverteidiger-Duo Armel Bella-Kotchap und Maxim Leitsch, das trotz einiger individueller Fehler mit ihrem Tempo für das Spiel der Bochumer enorm wichtig war, wurde zu Geld gemacht.

Im Mittelfeld konnte die Leihe von Pferdelunge Elvis Rexhbeçaj nicht verlängert werden und Milos Pantovič, der vor allem mit Toren aus der Distanz auffiel, verließ den Verein ablösefrei.

Im Sturm wechselte Sebastian Polter, mit 10 Toren ihr Top-Torschütze in der Liga (doppelt so viele wie der zweitbeste Torschütze), kontroverserweise zum Ruhrpott-Rivalen Schalke 04.

Außerdem wurden die Verträge mit Robert Tesche, der für die Kabine enorm wichtig war, und Außenbahnspieler Herbert Bockhorn nicht verlängert.

Von den Neuzugängen hatte, außer Kevin Stöger und Dominique Heintz, noch keiner seine Bundesliga-Tauglichkeit nachhaltig nachgewiesen.

Aufgrund all dieser Widrigkeiten sahen nicht wenige den VfL vor der Saison schon als Abstiegskandidaten Nummer 1. Als dann auch noch die ersten 6 Spiele in der Bundesliga allesamt verloren wurden, fühlten sich diese Zweifler sicherlich schon in ihrer Annahme bestätigt.

Der VfL Bochum, um Neu-Sportdirektor Patrick Fabian (der aktuell aufgrund gesundheitlicher Probleme kürzer treten muss) reagierte und zog die Rei(s)sleine. Eine zu dem damaligen Zeitpunkt, aufgrund der Erfolge von Reis, sehr kontroverse Entscheidung.

Ersetzt wurde Thomas Reis von seinem Namensvetter Thomas Letsch, der von Vitesse Arnheim losgeeist wurde. Seine Prinzipien, das aggressive Pressing und direkte Spiel, die er aus seiner Zeit in Salzburg mitnahm, trugen Früchte.

Unter Letsch spielt Bochum das drittaggresivste Pressing der Liga mit 9,41 PPDA (je niedriger der Wert, desto intensiver das Pressing). Zum Vergleich, unter Reis war man am Anfang der Saison hier lediglich auf Platz 12. Mit 565 gewonnenen Tacklings sind sie sogar Spitzenreiter der Liga.

Mit Ball gibt es kaum eine Mannschaft, die direkter spielt als die Bochumer. Nur Mainz 05 (5,95) und der FC Augsburg (6,04) haben eine geringere „Sequence Time” als der VfL mit 6,08 Sekunden (Sequence Time misst die Dauer einer Spielsituation, die mit einem Ballverlust oder einer Spielunterbrechung ended).

Da Bochum den schnellstmöglichen Weg nach vorne sucht, spielen sie pro Sequence lediglich 2,4 Pässe. Nur Augsburg (2,27) und Hertha (2,37) spielen durchschnittlich minimal weniger Pässe. Noch deutlicher wird der Kontrast, wenn man sich Spielsituationen mit mehr als 10 Pässen ansieht. Hiervon hat Bochum in dieser Saison nur 86. Weit unter dem Liga-Durchschnitt von 234,61.

Bochum hat in der ganzen Saison lediglich 9 „Build Up Attacks”, das ist der geringste Wert der Liga (Angriff mit 10+ Pässen, der im gegnerischen 16er oder einem Schuss endet).

Mit 70,1% hat Bochum zwar die zweitschlechteste Passquote der Liga, aber das liegt vor allem daran, dass sie viele lange Bälle spielen. 21,46% ihrer Pässe sind lang, das ist der höchste Anteil der Liga und weit über dem Liga-Durchschnitt von 14,22%.

Vor allem ihr robuster und kopfballstarker 1,95-Meter-Mittelstürmer Philipp Hofmann wird mit langen Bällen gesucht. Dieser hat in der Saison bereits 322 Kopfballduelle bestritten und davon 182 gewonnen. Beides natürlich Bestwerte der Liga. Generell hat Bochum mit 663 Kopfballduellen die meisten der Liga gewonnen. 

Diese Spielweise stellte, vor allem direkt nach der Übernahme von Letsch, schon so manchen Gegner vor echte Probleme. Angetrieben von den Fans, gewann die Mannschaft Letschs ersten 5 Heimspiele allesamt und legte den Grundstein, um noch eine Chance im Kampf um den Klassenerhalt zu haben.

Nimmt man gar die Tabelle, seit Letsch übernommen hat, steht der VfL (mit 27 Punkten aus 23 Spielen) auf einem beeindruckenden 10. Platz.

Trotz einiger Verletzungen (vor allem von Cristian Gamboa) und zum Teil wirklich niederschmetternden Niederlagen wie gegen Schalke, Stuttgart oder Wolfsburg, hielt Letsch die Moral immer hoch, auch wenn viele schon an mehreren Punkten während der Saison gedacht haben, dass der Abstieg beschlossene Sache sei.

Die Mannschaft bewies, frei nach dem Motto „Totgeglaubte leben länger“, vor allem in den letzten Wochen, immer wieder aufs Neue mentale Stärke und zeigte zumeist die richtige Reaktion.

Auf die Niederlage gegen Schalke folgten unmittelbar Siege über Köln und Leipzig. Auf die Pleite gegen Stuttgart folgte ein beeindruckender Punktgewinn auswärts bei Union Berlin und nun dieser Punkt gegen Dortmund nach dem heftigen 1:5 gegen Wolfsburg.

Bei der mentalen Belastbarkeit ist vor allem Torwart Manuel Riemann (mit 120 die meisten Paraden der Liga) zu nennen, an dem Letsch, auch trotz einiger folgenschwerer Patzer (Schalke, Wolfsburg) immer wieder festhielt, selbst als einige Fans forderten, ihn aus dem Tor zu nehmen. Dieser zahlt das Vertrauen regelmäßig mit Topleistungen zurück, wie auch gegen Borussia Dortmund, zurück.

Sollte Thomas Letsch, der sich diesem vermeintlichen Himmelfahrtskommando annahm, tatsächlich dafür sorgen, dass die passionierten Bochumer in der nächsten Saison wieder Bundesliga-Fußball an der Castroper Straße erleben dürfen, dann hätte Bochum ein erneutes Wunder geschafft.

Losilla Tor gegen Dortmund
Quelle: Wyscout

(Anthony Losilla erzielt ein Traumtor in der 5. Minute und ebnet den Weg für den Bochumer Punktgewinn gegen Dortmund.)

3 – SC Freiburg: Durch (Standard)-Effizienz in die Champions League?

Der 1:0 Sieg der Freiburger gegen den FC Köln dient als perfektes Abbild der Saison der Breisgauer. Nicht zwingend spektakulär, aber fast fehlerlos, mit einem Wort: effizient, wurden 3 wichtige Punkte im Kampf um die Qualifikation für die Champions League eingefahren. Wie so oft in dieser Saison hat eine Standardsituation das Spiel zugunsten der Freiburger entschieden.

Im Tor war wieder einmal Verlass auf einen überragenden Mark Flekken, der dafür sorgte, dass sein Kasten, trotz Kölns 1,48 Expected Goals (Freiburg hatte gar nur 1,37), zum bereits 12. Mal in dieser Saison sauber blieb. Kein Torhüter spielte in dieser Saison öfter Zu-Null als der Niederländer.

Laut „Post-Shot Expected Goals“ (hier werden nur die Schüsse berücksichtigt, die tatsächlich aufs Tor kommen), hat der Freiburger Schlussmann in dieser Saison 2,5 Tore verhindert. Mit diesem Wert liegt er auf Platz 4 der Liga.

Wie gegen den FC gut zu sehen war, ist der Sport-Club keine Mannschaft, die regelmäßig Gegner an die Wand spielt, stattdessen verlassen sie sich gerne auf ihre Effizienz in den richtigen Momenten, vor allem bei Standards.

Aus dem Spiel heraus erzielte der SC Freiburg in dieser Saison lediglich 25 Tore. Das ist lediglich Platz 15 der Liga.  Sieht man sich aber die Tore nach Standardsituationen an, so ist der SC ligaweit auf Platz 1 mit 16 erzielten Toren. Ganze 34,78% ihrer Treffer erzielten die Freiburger nach ruhenden Bällen, das ist der höchste Anteil der Liga.

Diese Effizienz nach Standards ist mittlerweile schon Teil der DNA des Vereins, so wird bei Neuzugängen bewusst auf eine gewisse Kopfball oder Standardstärke geachtet. Im Sommer kamen beispielsweise mit Michael Gregoritsch (bereits 4 Kopfballtore, kein Spieler hat mehr) und Matthias Ginter (bereits 4 Saisontore, kein Innenverteidiger hat mehr) zwei weitere Spieler, die sowohl bei defensiven als auch bei offensiven Standards ihre Stärken haben.

Denn auch defensiv sind die Breisgauer bei Standards enorm stark. Lediglich 2 Tore musste man in dieser Saison nach Eckbällen hinnehmen. Kein Team in der Bundesliga kassierte weniger Gegentreffer nach Eckbällen.

Auch auf dem Trainingsplatz kommt Freiburgs Standardstärke nicht von ungefähr. Mit Florian Bruns und Lars Voßler haben sie zwei absolute Standard-Experten im Trainerstab, die mit der Mannschaft verschiedene Varianten einstudieren. Selbst Einwürfe werden minutiös einstudiert. Allen voran die langen Einwürfe von Kiliann Sildillia führten des Öfteren schon zu Torchancen. Nur Einwurf-Spezialist Cédric Brunner bereitete mehr direkte Chancen per Einwurf vor als der junge Franzose (2).

Generell werden die Standardvarianten für jeden Gegner individuell angepasst. So auch gegen den FC Köln. Der FC Köln ist bei defensiven Standards zumeist sehr gefestigt. Erst 3 Gegentore mussten sie vor dem Spiel gegen Freiburg nach Eckbällen hinnehmen. Deshalb mussten sich Bruns und Co. etwas Spezielles einfallen lassen.

Normalerweise werden die Eckbälle beim SC Freiburg zum Tor hin gedreht. Christian Günter (39 als Linksfuß von der rechten Seite) und Vincenzo Grifo (35 als Rechtsfuß von der linken Seite) sind bei den aufs Tor gezogenen Eckbällen jeweils auf Platz 6 und 7 der Liga.

Die spielentscheidende Eckballvariante war jedoch ein Eckball von der linken Seite, getreten von Günter, einem Linksfuß. Also ein Eckball, der sich vom Tor wegdreht. Den sich vom Tor weg drehenden Ball verlängerte Lucas Höler am Rande des Fünfmeterraums mit dem Kopf und so musste Ritsu Dōan den Ball nur noch am langen Pfosten einschieben.

Solche einstudierten Varianten ermöglichen es den Freiburgern, Spieler in bessere Positionen für Schüsse aufs Tor zu bringen. Über die Saison gesehen hat Freiburg bereits 9 Tore erzielt. Nur Union Berlin traf nach Ecken häufiger (10).

Der xG-Wert verdeutlicht hier ebenfalls wieder ihre Effektivität. Denn für diese 9 Tore benötigte Freiburg lediglich 5,54 xG. Eine größere Effektivität hat ebenfalls nur Union Berlin (10 Treffer aus 3,94 xG).

Nimmt man Eckbälle und indirekte Freistöße zusammen, so kommt Freiburg mit ruhenden Bällen auf durchschnittlich 0,1321 xG pro Schuss. Nur RB Leipzig, mit Standard-Spezialist Dominik Szoboszlai, kommt mit 0,1324 xG pro Schuss auf einen um ein µ besseren Wert.

Wie auch gegen Köln erwischte Freiburg in dieser Saison des Öfteren schon den perfekten Zeitpunkt für ein Tor. Vor dem Tor in der 54. Minute war das Spiel schließlich enorm ausgeglichen (Köln 0,75 xG vs. Freiburg 0,69 xG). Doch dieser Treffer, nach einem Standard, entschied das Spiel zugunsten der Mannschaft von Christian Streich.

Dieser Hang, genau dann ein Tor zu erzielen, wenn man es am meisten braucht, macht sich vor allem in der Expected Points Tabelle bemerkbar. Laut dieser wäre der Sport-Club mit 42(,34) Punkten auf Platz 9, anstatt mit 56 Punkten auf Platz 4. Eine größere (positive) Differenz aus erspielten Punkten und Expected Points kann nur Union Berlin vorweisen (+17,83 / Freiburg +13,66).

Nach dem Sieg gegen Köln geht es für Breisgauer im Pokal gegen RB Leipzig. Dort bietet sich die Chance auf eine Revanche für das, ausgerechnet im Elfmeterschießen, verlorene Pokalfinale 2022.

4 Tage später geht es wieder zu Hause gegen die Sachsen. Ein Sieg in dem direkten Duell gegen den Tabellennachbarn um die Champions League Plätze könnte den Abstand (bei nur 3 verbleibenden Spielen) auf 5 Punkte anwachsen lassen.

Sollte dies gelingen, wäre der SC Freiburg auf Kurs, seine Standardstärke zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte auch in der Champions League zu präsentieren.

Freiburg Tor nach Eckball gegen Köln
Quelle: Wyscout

(Höler verlängert einen Eckball von Günter und Doan muss am langen Pfosten nur einschieben.)

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