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9er Dilemma der Bayern – Analyse

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Tuchel vs. Guardiola – der taktische Showdown

0:3 Niederlage im Hinspiel. Eigentlich spricht nichts für ein Comeback der Bayern im Rückspiel der Champions Leauge gegen Manchester City. Und trotzdem schafft es Tuchel erneut, Pep Guardiola vor eine große Herausforderung zu stellen. Vor allem in der ersten Halbzeit bekam man den Eindruck, dass für die Bayern bei einer möglichen Führung noch alles drin wäre. Wie Thomas Tuchel die Bayern taktisch im Detail eingestellt hat und wie Guardiola dies gekontert hat, hat @benny für euch analysiert.

Aufbauspiel FC Bayern

Schaut man sich das Hinspiel der beiden Teams an wird schnell klar, dass die Bayern das Aufbauspiel verändern mussten. Im ersten Aufeinandertreffen hatten die Bayern größte Probleme mit den Pressingmustern von Manchester City, welche in einem 4-2-4 angelaufen sind und mit den Flügelspieler Grealish und Bernando Silva so zugestellt haben, dass alle Passwege nach außen isoliert wurden. Um genau das zu umgehen, hat Tuchel in Linie 1 die Struktur verändert. So bauen die Bayern in einer 3+2 Struktur auf. Der Ballnahe Außenverteidiger (Pavard) schiebt hoch. Der Ballferne Außenverteidiger (Cancelo) schiebt in die 3er Kette im Aufbau. Meist war es Upamecano, der aus einer extremen Breite heraus gespielt hat. Denn Tuchel wusste, dass dieser permanent von Grealish angelaufen wird.

Aufbauspiel Bayern München gegen City

In dem Moment wo Upamecano den Ball bekommt, schiebt Grealish, wie erwartet, vor und versucht ihn zu pressen. City nimmt in Kauf, dass dadurch Pavard ohne Gegenspieler steht. Durch die Struktur der Bayern im Aufbau entsteht ein „wide diamond“, welcher es den Bayern ermöglicht, das Pavard durch ein einfaches Steil-Klatsch Spiel in die Aktion kommt. So ist es dann Coman, der sich aus seiner hohen Positionierung löst und kurz kommt. Upamecano kann mit einem Pass die Pressinglinien von City überspielen und der Passempfänger (Coman) hat durch die Positionierung von Kimmich und Pavard zwei Passoptionen, die er ausspielen kann.

Wide Diamond Bayern München

Durch das lösen von Coman, zieht er Nathan Ake aus seiner Position. Dieser öffnet dadurch einen großen Raum, in den Coman, nachdem er den Ball auf Pavard klatschen lässt, reinstarten kann. Da Pavard kurzzeitig keinen Gegnerdruck hat, kann er alle seine Passoptionen ausspielen und wählt dabei die vertikale Passoption auf Coman.

Bayern öffnet Räume gegen City

Sobald der vertikale Ball Coman erreicht, versuchen die Bayern so nachzurücken, dass eine Mann gegen Mann Situation in und um den 16er von Manchester City entsteht. Da City im Pressing hoch aufrückt, befinden sie sich in der Rückwärtsbewegung in Unordnung, welche die Bayern durch eine scharfe Flanke in den 16er ausnutzen wollen. Dadurch entsteht die erste Möglichkeit von Choupo-Moting, der nach einer Flanke von Coman nur um Zentimeter verpasst.

Boxbesetzung FC Bayern München

Nicht mal eine Minute später versuchen es die Bayern mit den selben Muster im Aufbauspiel erneut und brechen damit durch. Vor allem Upamecano muss man dabei hervorheben, der immer wieder präzise Bälle auf Coman spielt und so das komplette Pressing von City aushebelt.

Die Bayern gegen den Ball

Aufgrund des Ergebnisses im Hinspiel waren die Bayern dazu gezwungen, dass sie Manchester City hoch anlaufen und möglichst schnell das Aufbauspiel unterbinden. Tuchel hat dort eine Struktur im Anlaufen gefunden, mit der er situativ hoch stehen und gleichzeitig kompakt im Mittelfeldpressing agieren kann. Denn Guardiola hatte nichts an seiner Struktur im Ballbesitz verändert. Warum auch. Es hat ja wunderbar funktioniert. Wichtig für das Anlaufen der Bayern war, dass sie das Spielfeld „vierteln“. Das heißt, dass Choupo Moting den Passweg zum Torhüter (Ederson) zustellt und den ballführenden Innenverteidiger anläuft. Sane schiebt so ein, dass er Stones isoliert und sich so positioniert, dass er bei einer Verlagerung direkt durchschieben kann. Ballnah werden alle Spieler in Manndeckung genommen. Goretzka agierte als freier Mann dahinter, der entweder für eine zwei gegen eins Überzahl im Pressing sorgt oder, ähnlich wie Sane, bei Verlagerung durchschieben kann. Die Bayern nehmen in Kauf, dass die ballferne Seite immer frei bleibt und sie bei einer Verlagerung in ein kompaktes Mittelfeldpressing übergehen können. Im Idealfall erobern sie den Ball in einer hohen Positionierung oder zwingen City zum langen Ball, um dann selber neu aufbauen zu können.

Pressingstrukur FC Bayern München

In dieser Szene schafft es City, über Stones die Seiten zu verlagern und Bayern dazu zu zwingen, in das oben genannte Mittelfeldpressing zu fallen. Aber auch dort agieren die Bayern aus einem kompakten 5er Block und lassen De Bruyne frei, der häufig aus dem Halbraum nach außen abkippt.

Sie lassen das Anspiel auf De Bruyne zu und versuchen danach „Pressingfallen“ im Zentrum zu stellen. Durch den komapkten Block im Mittelfeld spielen die Bayern im Zentrum in einer 4 gegen 2 Überzahl. Sane kann den Passweg zu Akanji abschneiden. Goretzka, Musiala und Kimmich spielen drei gegen eins und kriegen direkten Zugriff auf den ballführenden Stones. Genau durch diese Pressingfallen und Strukturen schaffen es die Bayern häufig, dass City nicht ins letzte Drittel kommt und so bleibt Haaland in der ersten Halbzeit weitestgehend blass. Die Bayern gehen zwar mit ihrem Matchplan ein hohes Risiko ein, weil sie für diese Art von Pressing einen hohen läuferischen Aufwand benötigen und situativ 1 gegen 1 Situationen in der letzten Kette in Kauf nehnem. Dieses macht sich aber durchaus bezahlt.

Pressingfalle Bayern

Guardiola’s Umstellungen

Schon während der ersten Halbzeit hat Guardiola gemerkt, dass sein Matchplan nicht aufgeht und die Bayern die eindeutige Überhand haben (58% Ballbesitz für Bayern, 10-4 Schüsse für Bayern, 4-0 Schüsse auf das Tor für Bayern). So stellt er schon während der ersten Halbzeit das Pressingverhalten um. Er wusste, dass Grealish der Knackpunkt im Pressing war, weil dieser immer überspielt wurde. So stellte Guardiola dann auf einen 5er Block im Mittelfeld um und Grealish blieb durchgehend bei Pavard. So waren es Haaland, De Bruyne und Bernardo Silva, die im Block die Dreierkette der Bayern im Aufbau angelaufen sind. Dahinter haben Rodri und Gündogan hochgeschoben, um die 6er der Bayern zu isolieren.

5er Pressingblock Manchester City
Haaland vs Upamecano

Tuchel hatte aber auch darauf die richtige Antwort. Er schob Pavard und Coman extrem hoch, um Ake und Grealish zu binden, damit City nicht so hoch ins Pressing kommen konnte. Sie haben aus dem 3+2 Aufbau einen 3+1 Aufbau gemacht und entweder Kimmich oder Goretzka höher positioniert. Wenn sich Choupo-Moting fallen lassen hat, ist im Zentrum eine 3 gegen 2 Überzahl entstanden. In dem Moment, wo Upamecano andribbelt, löst sich Coman aus der Breite ins Zentrum. Dadurch entsteht ein Zwischenraum, in dem er ohne Gegnerdruck agieren kann. So haben sie wieder mit einem Pass das Pressing von City überspielt und können aus dem Zentrum heraus nachrücken und für eine gute Besetzung in und um den 16er von City sorgen.

3+1 Struktur FC Bayern München

Guardiola hatte nur eine kleine Nuance im Aufbauspiel von Manchester City geändert. Er hat John Stones aus der Innenverteidigung auf die 6 vorrücken lassen und die 3er Kette mit Ake, Dias und Akanji extrem breit aufgestellt. Sobald ManCity den Ball verliert heißt es also für Stones, dass er eine Entscheidung treffen muss, ob er nach vorne verteidigt oder sich nach hinten in die Kette fallen lässt. So haben sich für die Bayern immer wieder immens große Räume zwischen Akanji und Ruben Dias geboten, die sie aber nicht immer in letzter Konsequenz bespielt haben.

Stones 2 gegen 1
Zwischenraum Manchester City
Quelle: Wyscout

Fazit

Es ist wirklich bitter, dass sich die Bayern für ihre gute Leistung nicht mit einem Sieg belohnt haben. Thomas Tuchel hat aber einmal mehr bewiesen, dass er ein richtig guter Trainer hat. Sein Matchplan hat City in ihrem Spiel wirkungslos gemacht. Hätte man das Hinspiel nicht so eindeutig durch individuelle Fehler verloren, hätte man Guardiola’s Truppe rauswerfen können. Aktuell fehlen den Bayern für das absolute Spitzenniveau einfach noch individuelle Spielerprofile. Mit einem 9er hätte man wahrscheinlich die Vielzahl an Chancen genutzt. Das Aufbauspiel wäre noch besser gewesen wenn Kimmich als 8er fungieren könnten und nicht Goretzka, der seit Monaten im Formtief steckt. Ein deutliches Zeichen an die Bayern Bosse, das im Sommer investiert werden muss. Ein 9er und klarer 6er müssen her. Trotzdem können sich viele Trainer diese Leistung von Bayern zum Vorbild nehmen. Denn die Strukturen haben gezeigt, wie man City schlagen kann. Insgesamt ein Auftritt, mit dem die Bayern sehr zufrieden sein können.

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