StartAnalysenAdventskalender #21: Rasender Stillstand - Quo vadis, Borussia?

Adventskalender #21: Rasender Stillstand – Quo vadis, Borussia?

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Es wird nicht langweilig: Nicht nur hat Borussia mal wieder ein erstes halbes Jahr mit einem neuen Trainer hinter sich, auch die Leistungsschwankungen bleiben – und gewinnen sogar an Höhe. Wo steht die Mannschaft kurz vor Weihnachten 2024?

Individuelle Entwicklungssprünge beleben den Verein

Gerardo Seoane und sein Team haben es geschafft die Mannschaft neu zu aktivieren und im Verein neue Euphorie zu entfachen. Das kann man nicht zuletzt am Support der Fans ablesen.

Ein Grund hierfür ist, die Tatsache, dass das Trainerteam konsequent junge Spieler eingebaut hat, die es mit starken Leistungen gedankt haben: Rocco Reitz, Luca Netz, Joe Scally, Fabio Chiarodia, Moritz Nicolas haben positiv überrascht und sind aus dem Team zurzeit nicht wegzudenken.

Nach Jahren der Stagnation haben viele endlich individuell den nächsten Schritt gemacht. So entstehen Werte für den ganzen Verein – fußballerisch, emotional und ja, auch finanziell. Borussia kehrt als Verein so zu einem Geschäftsmodell zurück, das die Corona-Pandemie zerschlagen hat – ein Zeichen der Besinnung und Gesundung.

Auf dem Platz zeigt die Mannschaft wiederum mitunter begeisternde Moral und entfaltet punktuell große Wucht. Wie an den Zahlen abzulesen ist, ist Seoanes Idee vom Fußball schnell in den Köpfen seiner Spieler angekommen: Die Mannschaft sucht herausragend früh die Tiefe und das schnelle Spiel mit wenigen Kontakten (nur Leverkusen spielt mehr raumgewinnende Doppelpässe). Die Spieler haben zudem unübersehbar verinnerlicht, was von ihnen gefordert wird: Mut zum riskanten, vertikalen Pass und Aktivität im Freilaufverhalten im Ballbesitz, viel Intensität und Umfang gegen den Ball.

Seine kommunikativen und menschlichen Qualitäten sind das große Plus von Seoane, der es besser als manche seiner Vorgänger versteht eine Spielergruppe zu managen und bei Laune zu halten. Einsatzzeiten werden fairer verteilt als zuletzt und die Breite des Kaders genutzt.

Kollektives Auf-der-Stelle-Treten

Borussias Offensive stand nach 16 Spieltagen mit 31 Toren auf Platz 6 der Tabelle und ist europareif. Borussias Defensive wiederum ist mit 35 Gegentoren die eines Abstiegskandidaten – Platz 17 vor Darmstadt (41). Diese Werte gehen eigentlich kaum zusammen und sorgen für einen Saisonverlauf der Extreme, bei dem fehlende Ergebnisse gegen schwächere Gegner (wie unter Daniel Farke) auf schlechtes Management von Führungen (wie unter Marco Rose) treffen – worst of both worlds.

Niederlagen in Köln, bei Union (auch Dortmund muss man dazuzählen); keine Siege gegen Augsburg, Darmstadt, Mainz – was in der letzten Saison für großen Ärger sorgte, ist auch in dieser nicht abgestellt: Gegen ab- und angeschlagene Gegner erledigt Borussia die Aufgaben nicht.

Hinzu kommen in diesem Jahr absurde Spielverläufe: In Augsburg, Freiburg, Dortmund und Frankfurt hat man teils sogar mehrmalige bzw. Zwei-Tore-Führungen aus der Hand gegeben. Gegentore fielen dabei entweder unmittelbar nach Wiederanpfiff oder gehäuft innerhalb von Minuten.

Das Ergebnis: Nach 16 Spieltagen steht Borussia bei 17 Punkten. Zur Einordnung: Das ist ungefähr so schlecht wie zuletzt zur Winterpause 16/17, als Borussia sich von André Schubert (!) trennte und Dieter Hecking verpflichtete. Während Borussia aber vor sieben Jahre mit 16 Punkten nur drei Punkte vor Platz 16 stand, steht man heute mit einem Punkt mehr ganze sieben Punkte vor den Abstiegsplätzen.

Jedem sollte klar sein, dass man nur deshalb bislang relativ sorgenlos ist, weil das Niveau in der Bundesliga insgesamt nicht besonders gut ist und es bis jetzt mindestens drei Teams gibt, die komplett neben sich stehen. Dies sollte einen nicht in Panik versetzen, aber bewusstmachen, dass man wirklich nur relativ ordentlich performt: Man ist zwar nur eine gute defensive Phase von Europa entfernt, aber auch eine schwächelnde Offensive vom Abstieg.

Noch lange nicht in ruhigen Gewässern

Borussia braucht also auch im neuen Jahr dringend Punkte. Das Gesamtkonstrukt ist und bleibt bis auf weiteres äußerst fragil – auf und neben dem Platz.

Bislang hat die Mannschaft, Spieler und Trainer, von einem Vertrauensvorschuss, einer guten Pokalrunde und der Hollywood-Story von Rocco Reitz profitiert. Gerardo Seoane muss allerdings Strukturen etablieren und durchsetzen, die über die Entwicklung einzelner Spieler und individualtaktische Verbesserungen hinausgehen. Er muss inhaltliche Fragen beantworten, die je nach Saisonverlauf früher oder später nicht mehr verdrängt werden können:

Welche Idee hat der Trainer mit dem Ball jenseits von Doppelpässen auf den Flügel, Rocco als Ballträger und der Genialität eines Lasso Pléas? Will er Wucht und Kontrolle überhaupt besser ausbalancieren – und wenn ja, wie?

Wie will er gegen den Ball spielen lassen? Soll die Mannschaft hoch pressen oder kompakt verteidigen? Zurzeit tut sie weder das eine noch das andere.

Mit der Entscheidung für Seoane hat Borussias Vereinsführung den mit der Trennung von Hütter laut ausgerufenen Weg hin zu mehr Ballbesitzfußball zumindest unterbrochen: Borussia spielt heute wilder als unter Adi Hütter, so unbalanciert wie vielleicht seit Frontzeck, also seit der Zeit vor Favre (!), nicht mehr – eine Entwicklung, die alle Boruss*innen aufschrecken muss. Seoane steht zudem nicht erst seit neuestem weniger für spieltaktische, sondern in erster Linie für individuelle Entwicklung. Reicht das mittel- und langfristig? Oder werden da gerade die letzten Reste fußballerischen Kapitals abgetragen?

Auch und gerade weil der oben beschriebene Schlingerkurs (zum Beispiel im Zuge der Trennung von Farke) von Vereins- und Geschäftsführung nicht richtig erklärt wurde, muss er für sich selbst sprechen – und da helfen nur Erfolge. Soll keiner sagen, dass Virkus, Schippers und Co nicht wussten, was sie taten.

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